Tragen

 

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Wir Menschen sind Traglinge. Diese Tatsache nicht anzuerkennen wäre ein grober Fehler. Natürlich, wir leben nicht mehr in Höhlen, tragen nicht mehr nur ein Fell als Lendenschutz und überhaupt, sind wir einfach nur stinknormale moderne Menschen im 21. Jahrhundert.
Aber wer hat denn bestimmt, dass sich grundlegende Besonderheiten geändert haben sollen??
Wir Frauen haben noch immer einen Uterus, in dem unsere Babies von einem Zellhaufen zu einem Kind heranwachsen. Wir haben Bruste zum Stillen. Und wir haben unseren Bauch der uns ganz genau sagen kann, was zu tun ist. Vorausgesetzt, wir lassen ihn zu Wort kommen und messen seiner Meinung Gewicht bei.
Den Klassiker „Ein Baby will getragen sein“ von Evelin Kirkilionis, kennen vermutlich alle Trageeltern.
Hier klärt die Autorin ganz objektiv über die Physiologie des Tragens von Menschenkindern auf und ermutigt die Leserschaft, sich das eigene Kind umzubinden und sich damit einfach wohl zu fühlen.

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Ich selbst fing an zu tragen als ich 2005 meine erste Tochter bekam. Zum Glück hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon knapp drei Jahre Hebammenausbildung hinter mir und war mit allen Themen rund ums Kind vertraut. Wenn auch erstmal nur theoretisch. Zumindest war mir klar, dass es Tragetücher gibt und ich diese Art der Babyfortbewegung ziemlich gut finde.
Als Emma dann kam, mußte ich mich doch noch in Geduld üben, denn da wir uns im OP kennenlernten und ich somit einen Schnitt quer über den Bauch hatte, der mich ein wenig hinderte mich so zu bewegen, wie ich es gern getan hätte, war ich gezwungen doch noch einen Kinderwagen als Geschenk von Emmas Oma anzunehmen. Ich hatte mir doch vorgenommen sie nur nur nur zu tragen. Mist.

Naja, nach ein paar Wochen war es dann soweit. Ich hatte mir von irgendwo ein Tuch besorgt. Damals war der Markt noch nicht so groß. Eher überschaubar.
Mir war das aber doch irgendwie nicht geheuer, obwohl ich mich strikt an der Anleitung orientierte.
Also besuchte ich einen Tragekurs bei Jenny Grallert auf der Uhlenhorst. Gemeinsam mit einigen anderen Eltern, lernte ich die Grundlagen und konnte fortan meine Emma den ganzen lieben langen Tag durch die Gegend tragen, ohne lange Arme zu bekommen. Herrlich war das.
Ich konnte jeden überfüllten Bus nehmen, an jeder U-Bahnhaltestelle aussteigen ohne darauf achten zu müssen, ob es einen Fahrstuhl gab und ich konnte ihr noch mehr Sicherheit vor fremden Fingern bieten, die ja aus mir unerfindlichen Gründen immer der Meinung sind, sie dürften alle kleinen Menschen, die noch nicht sprechen oder schreiben können, ohne Vorwarnung und Erlaubnis einfach antatschen.

Da ich irgendwann auch wieder Rad fahren wollte, mußte irgendeine Mitfahrgelegenheit für das Kind gefunden werden. Den Anhänger hatte ich sehr schnell als „mir zu unsicher“ abgestempelt. Blieb noch der altbekannte Fahrradsitz. Ich besorgte mir einen und setzte meine Emma hinten drauf.
Aber wenn man sein Kind die meiste Zeit des Tages am Körper trägt, dann ist die Entfernung auf einem Fahrrad im höllisch total gefährlichen Straßenverkehr eine geschätzte Unendlichkeit. Nee, das konnte ich nicht. Ohne Blick- oder Körperkontakt mit ihr Rad fahren? Keine Chance. Also, kein Rad fahren? Auch keine Lösung. Da kam mir der rettende Einfall: das Kind muß auf meinen Rücken!
Jenny angerufen, Termin vereinbart und innerhalb einer Stunde die Wickelkreuztrage für den Rücken ins Hirn gebrannt. Von nun an konnten wir auch gemeinsam Fahrrad fahren.
Die Rückentrageweise hat uns viele schöne Stunden beschert. Unter anderem waren wir sogar Mais pflücken.

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April 2008/ Emma ist 3 Jahre und 1 Monat alt.

 

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2014 kamen dann unsere Zwillinge Enie und Erna. Dass ich auch sie tragen würde, war für mich selbstverständlich. Wie das ganze konkret vonstatten gehen sollte, darüber hatte ich mir im Vorfeld keine Gedanken gemacht.
„Das geht schon irgendwie“ oder wie man hier so sagt „Sabbel nich, dat geit!“

Tatsächlich taten sich zwei Welten auf. Einerseits hatte ich meine ja nun mehrjährige Trageerfahrung, andererseits waren meine beiden noch so zerbrechlich als wir sie endlich nach 23 langen Tagen nach Hause holen durften, und ich traute mich kaum, sie ins Tuch zu tüddeln.
Am Entlassungstag wickelte ich sie zusammen in die Känguruhtrage und wir liefen ein Stück und fuhren dann mit dem Bus nach Hause. Ich muß gestehen, das ich bei jedem dritten Schritt stehen bleiben mußte um zu gucken, ob sie noch atmeten. So verunsichert war ich.

Später stieß ich auf die doppelte Hüfttrage/ Tandem Hip Carry (klick hier!), die ich direkt ausprobierte. Meine Muggel waren noch so klein, dass sie kaum oben rausgucken konnten. ehrlich gesagt, habe ich das Tuch aber auch extra etwas hochgezogen, damit sie zum einen vor der Sonne und zum anderen vor neugierigen Blicken geschützt waren.
Das sah bei uns dann so aus:

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(Tuch: Amazonas Carry Sling Lollipop)

Da die beiden ja nu noch so mini waren, mußte etwas anderes her. Aber auch da half mir Amanda mit ihrer Wickelkreuztrage für kleine Zwillinge (klick hier!) weiter.

(hier genau 7 Wochen und 3 Tage alt, Umzugstag 21.06.2014)

Jaja, ich höre an dieser Stelle bereits die Tragepolizei… bitte, Ruhe bewahren!
Natürlich sieht das alles etwas vergniesgnaddelt aus. Aber es sei auch gesagt, dass diese Tragebilder die wenigen Gelegenheiten zeigen, zu denen ich die beiden trug. Das war am Anfang nämlich noch eher wenig, da sie noch so viel schliefen und ich einen Umzug vorzubereiten hatte und packen mußte.

Die Wickelkreuztrage mit beiden, band ich nur wenige Male. Relativ schnell entschied ich mich für die doppelte Hüfttrage. Ich wollte mit meinen Kindern nicht viel erledigen, sondern sie einfach nur tragen. Alles andere sollte warten.
Und so ging ich tagtäglich mit ihnen spazieren und das Ganze sah dann schnell schon viel besser aus.

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(06.07.2014)

Wir unternahmen auch einen Versuch mit dem Kinderwagen (ein Hartan ZII).

Der Friede, der auf dem Bild festgehalten wurde, hielt in Wahrheit keine 10 Minuten. Es endete damit, dass die große Schwester die Karre mit Einkäufen schob und Mama beide Kinder auf dem Arm nach Hause trug – ohne Tuch!
Beim zweiten Versuch war ich schlauer und legte das Tuch unten rein. Nach geschätzten 400m hatte ich die Kinder auf offener Straße ins Tuch gewickelt und wir schoben mal wieder einen leeren Wagen. Das waren unsere ganz genau zwei (ich gestehe halbherzigen) Versuche mit dem Kinderwagen. Seither steht er unter einer Decke verhüllt in der Garage und spielt Schneewittchen.
Somit hatte ich meine Schuldigkeit getan und den Beweis erbracht, dass meine Kinder einfach nicht gern in der Karre liegen und durfte weiterhin glücklich mit meinem Tuch durch die Siedlung ziehen, in der wir auch ziemlich schnell zum bunten Hund wurden. Eine ältere Dame fuhr auf dem Rad an uns vorbei, hielt an, kam zu uns und freute sich über die Mädchen im Tuch und erzählte mir sogleich, dass sie uns ja bereits kenne. (Achso!?) Wir würden doch in Straße Sowieso wohnen. Ja ja, man hätte ihr schon von uns berichtet, von „der Frau, die immer mit den zwei Bündeln herumläuft“.

(Tuch grün: Hoppediz, ohne Namen)
(Tuch rot/ orange: Hoppediz Delhi)

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mit dem tollen Trageregenponcho

08.03.2015, der erste Sonnentag in diesem Frühling

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