Beikost / Essen

Dieses Thema liegt mir auf eine spezielle Art am Herzen. Auch hier scheiden sich die Geister, und zwar ganz gewaltig.
So stehe ich den industriellen Herstellern von Babynahrung skeptisch bis böse gegenüber, wenn sie ihre Gläschen herstellen und mit Vermerken wie „ab dem 4. Monat“ bedrucken. Na klar, man kann so früh diesen Kunstmus füttern. Man kann sich auch eine Frikadelle ans Knie nageln.

Mich irritiert es zutiefst, dass so viele Eltern dem Einführen von fester Nahrung so begeistert entgegen fiebern, wie ein 6 jähriges Kind seinem Geburtstag.
Die Gründe hierfür sind mir unbekannt, würden mich jedoch interessieren. Ich frage mich, ob es mit der Grundeinstellung gegenüber der Muttermilch zu tun hat…
Vielleicht sollte das Wissen darüber, dass Menschen nunmal per definitionem bis zu ihrem ersten Geburtstag offiziell als Säuglinge bezeichnet werden, wieder mehr ins Bewusstsein gerufen werden.
Vor allem bei Kindern, die als sogenannte Frühchen geboren werden, kann ich nicht nachvollziehen, dass ein 4 Monate junges Baby, das 8 Wochen vor Termin kam, nun bitteschön fein „Ah“ sagen und den großen Löffel mit dem Brei bereitwillig in den Mund nehmen und dankbar das ihm angebotene Essen berunterschlucken soll.
Selbst ein reif geborenes Kind ist mit 4 Monaten (meines Erachtens nach) noch nicht bereit hierfür. Aber Kinder kooperieren. Zwangsläufig. Denn oft bleibt ihnen nichts anderes übrig. Im Prinzip verhält es sich hier genau so wie beim Schlafen.

Ich möchte über die viel zu wenig bekannten, selten beachteten bzw. viel zu oft ignorierten, Beikostreifezeichen informieren.

1. Sitzen
Das Kind sollte allein sitzen können. Das bedeutet nicht, dass es hingesetzt wird und dann sitzen bleibt, sondern, dass es von allein in die Sitzposition gelangen, sich in dieser halten und ebenfalls allein diese Position wieder verlassen kann.
Herr Müller-Lüdenscheid wirft irritiert ein, dass ein Kind mit vier Monaten hierzu noch nicht in der Lage sei, die meisten anderen auch mit sechs Monaten noch nicht. Aber mit sechs Monaten soll man doch unbedingt zufüttern, sagen alle. Wie lange soll man denn da warten? Naja, bis es soweit ist. Und wenn das Kind erst später soweit ist? Dann wird es eben später essen. Es hat vielleicht eine tiefer gehende Bedeutung, dass ein Mensch bis zu seinem ersten Geburtstag als Säugling bezeichnet wird.

2. Zungenstoßreflex
Ein angeborener Reflex, bei dem das Kind durch Strecken der Zunge alles, was eine feste Konsistenz hat, aus dem Mund herausschiebt. Reine Überlebensmaßnahme.

3. Kopfhaltung
Das Kind kann allein den Kopf halten. Diese Fähigkeit gehört zusammen mit dem Sitzen in den Topf körperliche Voraussetzungen

4. Hand-Mund-Koordination
Die Bewegung der Hand zum Mund kann vom Kind allein durchgeführt werden.

Relative bzw. keine Reifezeichen:
• Hinterhergucken/ Starren auf das Essen der Eltern.
Kinder gucken sich alles an und stecken sich ebenso genussvoll alles in den Mund. Dabei geht es nicht ums Essen, sondern ums Lernen. Kinder lernen nunmal durch Nachahmung. Ganz bestimmt würde ein Kind sich auch eine Schraube oder ein platt getretenes, vom Gehsteig abgekratztes Kaugummi in den Mund stecken, wenn es denn die Gelegenheit dazu bekäme. Mal drüber nachgedacht?

Es wird immer so viel von Individualität gesprochen. Jedem das Seine. Jedes Kind hat sein Tempo. Bloß nicht stressen lassen. Der eine lernt dieses früher, die andere jenes später. Ganz feine Sprüche.
Aber wieso entfällt diese Ansicht bei den Themen schlafen und essen? Den individuellsten Bereichen überhaupt. Wieso verfallen hier so viele dem Irrglauben, dass man Regeln aufstellen und diese befolgen muss?
Besonders hier sollte doch die Individualität zu Tragen kommen.
Man darf nicht vergessen, dass Hersteller von Gläschenkost nunmal Wirtschaftsunternehmen sind. Denen ist in der Regel nicht in erster Linie am Wohle eines jeden anderen gelegen, sondern am eigenen Umsatz und letztlich am Gewinn. Und um diesen zu steigern, muss man die potentiellen Käufer_innen in irgendeiner Form um den Finger wickeln und dazu bringen, die eigenen Produkte zu kaufen. Ganz gleich, ob es sinnvoll ist oder nicht.
Wir sollten viel mehr hinterfragen – besonders als Eltern.