Wir S.I.N.D. schön

(20.April 2018)

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber derzeit begegnet mir das Thema Körper bzw. die Wahrnehmung und Beurteilung dessen, auf allen Kanälen. Entweder ist es wohl irgendwie mein eigenes Thema oder es geht gerade eine Welle durch die Medienwelt. 

Fakt ist, mein Körper beschäftigte mich in ganz jungen Jahren nie übermäßig. Er war da und ich mochte und benutzte ihn.  Als Kind war ich immer dünn, sehr dünn. Manche Leute im Dorf nannten mich „Fliegengewicht“. Seit ich denken konnte, spielte ich Handball. Mit zehn Jahren begann ich mit Leichtathletik, Schwerpunkt Mittelstrecke. Dann kam die Pubertät. Der Körper rückte ins Bewusstsein. Doch ich war zufrieden. Zumindest nehme ich das jetzt mal an, denn ich erinnere mich an keine schlimmen Zeiten.

Mein Körpergewicht bummelte bei einer Körpergröße von 1,68m immer so um die 63kg. 

Dann bekam ich meine erste Tochter. Zum Ende der Schwangerschaft wog ich 85kg. Beachtlich. Davon waren keine sieben Pfund meinem Kind zuzuordnen. Nagut, noch die Plazenta und das Fruchtwasser und Wassereinlagerungen waren auch sichtbar gewesen. Eine Woche später war ich bei 70kg.

Als meine Tochter vier Monate alt war, besuchte ich einen Freund in Bremen und ging bei der Gelegenheit los, um mir eine Hose zu kaufen. In der Kabine stellte ich fest, dass ich plötzlich Größe 28 trug. Hö? Das war noch nie meine Größe gewesen.  Kurz danach stand ich mal wieder irgendwo auf einer Waage und war überrascht, wenn nicht sogar schockiert: 52kg. Wo war mein Körper hin? Irre, denn ich sah zwar jeden Tag in den Spiegel, aber ich hatte nicht gesehen, dass ich so abgemagert war. 

IMG_2985

2006

Ohne mich näher damit zu beschäftigen, regulierte sich mein Körper ganz von allein wieder auf 63kg. Bis zu meiner nächsten Schwangerschaft. 

Hier kam ich nur bis zur 34. Schwangerschaftswoche und hatte doch auch wieder über 80kg mit mir rumzuschleppen. Die Kinder machten insgesamt keine vier Kilo aus. Ich hatte viel Wasser im Gewebe. Außerdem hatte ich ab der 26. Woche relative Bettruhe, gegessen aber habe ich ja trotzdem weiterhin wie bisher. 

Auf einem Foto, das ich wenige Tage nach der Geburt gemacht hatte, sehe ich meinen Bauch. Wie ein Kasten aus Fett, der vor mir hängt. Als ich dieses Foto vor nicht allzu langer Zeit zum ersten mal sah, war ich überrascht, denn ich hatte angenommen, dass mein Bauch sich erst in der Zeit nach der Geburt so verändert hatte. Offensichtlich doch nicht. Das beruhigte mich für einen Moment, aber nicht nachhaltig. 

 

 


Mein veränderter Körper war mir unangenehm. Ich sah aus wie ein Fettsack. Dicker Bauch, dicke Arme. Manche sagen dann: „Ey, du hast drei Kinder bekommen. Da ist es doch normal, dass du nicht mehr so aussiehst wie vorher.“ 

Joa, den tröstenden Gedanken dahinter erkenne ich. Doch ich dachte auch, dass ich zwar so aussehen kann, nach drei Kindern, aber MUSS ich auch so aussehen?

Wie es um mich stand, erfuhr ich letzten Sommer, als ich meine Eltern besuchte und mich auf deren Waage stellte. (Ich selbst besitze keine.) Fast 77kg schrie sie mir entgegen. Boah, was!? Das gefiel mir gar nicht. Dass ich nicht wie vorher aussah, wusste ich wohl. DAS allerdings empörte mich.

Zufällig fiel mir wenige Tage später eine Gruppe bei Facebook vor die Füße: Kilokegeln. Ich hatte nicht nach so etwas gesucht, aber ich las mich ein und fand es spannend. Für mich ging es hier um eine langfristige Nahrungsumstellung. Meine Freundin, bei der ich Wochen später saß, nannte es Diät. Bäh. Doofes Wort. Vor allem im Zusammenhang mit mir selbst. Niemals hatte ich bisher eine Diät gemacht.

Im August, wenige Tage nachdem ich davon gelesen hatte, startete ich mit Kilokegeln. Ganz entspannt. Ich verzichtete nun also auf Zucker, Milchprodukte, Getreide, Obst und aß im Grunde nur Eier, Hülsenfrüchte, Salat und Fleisch. Drei Monate später waren 9kg meines Gewichts verschwunden. Sport hatte ich nicht zusätzlich gemacht. Ich fühlte mich richtig gut. Ausgeglichen. Ohne dieses Zuckerbedingte Auf und Ab des Blutzuckerspiegels, fühlen sich Appetit und Sättigungsgefühl ganz anders an. Mein Mann hatte im Vorwege Angst vor meinem Experiment, teilte mir dann aber mit, dass ich entspannter sei als vorher. Anfang Dezember stellte ich dann doch wieder um. Warum? Keine Ahnung.

Version 2Während des Kilokegeln stellte ich mich jeden Samstag hin und machte Fotos von meinem Bauch. Von links, von rechts, von vorn. Und ja, abgesehen von der Zahl auf der Anzeige der Waage, war an meinem Körper auch eine echte Veränderung zu sehen. Mein Bauch war merklich kleiner geworden. Nicht verschwunden, aber wirklich weniger. Der Fett-Kasten war nun ein Oval. 

 

 

Im Dezember fing ich dann wieder an, auch Anderes zu essen. Brot und Obst kamen wieder auf meinen Speiseplan, auch zwischendurch mal wieder Naschis. Als ich Ostern mal wieder auf eine Waage traf, meinte die, ich wäre bei 69kg. Klingt gut.  

Mir „fehlen“ noch 6kg bis zu meinem alten Gewicht. Doch diese Zahlen sind nicht das, was mich interessiert. 


Obwohl ich nun einige Kilo losgeworden war, war ich nicht wirklich zufrieden. Der Bauch sollte ganz weg. Ganz ehrlich, vor ein oder zwei Jahren informierte ich mich wegen einer Fettabsaugung. So abstoßend fand ich meinen Bauch, meinen Körper. 

Doch, woher kam das? Ist es tatsächlich dieser gesellschaftliche Klamauk, der mich irgendwie doch unbewusst dorthin steuert, dass ich anderen gefallen will? Dass ich mich selbst nicht so annehmen kann, wie ich bin, weil ich nicht so hammer aussehe, wie die Ladies in den Magazinen? Und wer sagt eigentlich, dass DIE tatsächlich besser aussehen als ich?

Ich verstehe es nicht. 


Mein innerer Teil ist schon lang der Meinung, dass es egal ist, was andere Leute über mich denken. Schiet op! Ich bin, wie ich bin. Mein nicht-körperlicher Teil wird von mir ganz anders wahr genommen. Dabei ist es doch das Gleiche in grün.

Jede_r von uns hat Macken, Ecken und Kanten in seinem Wesen. Auch meine Kinder und mein Mann haben diesen oder jenen Wesenszug, der mich manchmal nervt. Aber deswegen liebe ich sie trotzdem. Bedingungslos. 

Das nicht Sichtbare wird viel stärker verteidigt. Da stellt sich ein Mensch hin und sagt: „Das bin ich. Und das ist gut so. Und wenn du mich nicht magst, juckt es mich nicht.“

Steht aber dieselbe Person genauso da und wird wegen des Aussehens kritisiert, kann die Reaktion schon viel weniger selbstbewusst ausfallen. 

Dabei ist es doch ein großer Irrsinn. Denn (für mich persönlich) ist der Körper eines Menschen nicht ausschlaggebend, wenn es darum geht, ob ich diesen Menschen mag oder nicht. Ganz im Gegenteil: Menschen, die ich von Innen heraus schön finde, kann ich nicht mehr objektiv in Bezug auf körperliche Schönheit beurteilen. Ich finde alle meine Freund_innen schön. 

Vielleicht ist aber ja genau hier der Schlüssel verborgen?


Seit geraumer Zeit arbeite ich an mir. An dem, wer ich war, wer ich wurde, woher ich komme, wie ich zu derjenigen wurde, die ich heute bin. Natürlich waren meine Kinder der große Anstoß hierfür. Ich habe viele Baustellen eröffnet in den letzten Jahren. Und es geht wellenförmig voran. Mal mehr, mal weniger. Jedes mal, wenn ich eine Etappe erfolgreich hinter mich gebracht habe, fühle ich das. Es befreit mich.

Um meinen Körper habe ich mich in letzter Zeit also wieder weniger gekümmert.

Und letzte Woche kam der großartige Film Embrace [kl!ck h!er] im Fernsehen. Arte strahlte diese Perle aus und hielt sie eine Woche lang kostenlos in der Mediathek verfügbar. 

Ich sah die erste halbe Stunde des Films, von dem ich schon öfter gehört hatte, zunächst mit meiner großen Tochter. Am Abend danach schauten mein Mann und ich uns den Film komplett an. Ich war berührt. Die Geschichte der Autorin und all der anderen Frauen, die dort zur Sprache kommen, geht mir nahe. Vor allem natürlich der Aspekt des After-Baby-Bodys.

Ich weiß nicht, was es war. Ob nun tatsächlich der Film an sich oder eine erneute erfolgreich abgeschlossene Etappe auf meinem Psycho-Weg oder die Kombination beider Aspekte diesen Sprung bewirkte? Auf jeden Fall änderte sich mein Blick auf mich selbst. 

Ich dachte: „Ja, man! Warum soll ich mich schämen? Oder verstecken? Mein Körper hat Großartiges geleistet. Mein Körper hat mit mir 38 Jahre Achterbahnfahrt durchgemacht. Er entspricht keinem gängigen Ideal, aber er ist gesund! Ich habe einen gesunden Körper! Das ist doch ein wahrer Schatz!“


Mein Körper begleitet mich tagein tagaus. Ja, er hat sich verändert. Merkwürdig, wenn er das nicht täte. Drei Kinder haben  zusammen für insgesamt 73 Wochen in meinem Bauch gewohnt. Ich habe bis dato fast neun Jahre gestillt. Um mal die typischen „Leistungen“ anzuführen, die in Bezug auf weibliche Körper immer wieder genannt werden. Die sogenannte Sportlichkeit von damals ist wohl verflogen. Aber dafür habe ich mich und meinen Körper besser kennengelernt. Wir machen jetzt andere Sachen zusammen. Yoga zum Beispiel. Ich bin nicht mehr Landesmeisterin über 800m oder werfe zig Tore in einem Handballspiel, aber so flexibel und dehnbar wie heute, war mein Körper noch nie. Eine Freundin nannte mich mal einen Kolibri. Gedanklich bin ich oft noch so unterwegs. Aber ich habe auch die andere Seite, den Gegenpol, die Ergänzung gefunden. Schon die Schwangerschaft mit den Zwillingen zwang mich, auf die Bremse zu treten. Als sie dann da waren, sollte ich erkennen, dass das mein neues Dauertempo sein sollte. Ruhig Blut. Und so genieße ich die Ruhe und die Energie, die mich erfüllen, wenn ich meine (von außen vielleicht langweilig anmutenden) Yogaübungen mache und meinem Körper auf diese Weise Danke sage. 


Zwei Tage nachdem ich den Film gesehen hatte, stand ich morgens nackt im Bad. Unsere Jüngste stand im Flur, die Tür zum Bad war geöffnet. Sie sah mich an und sagte: „Mama, du bist schön!“ Aus dem Nichts. Einfach so. Ich war sprachlos. Ich war gerührt. Ich war fasziniert. Ich war dankbar.

Und schon wieder ist es eines meiner Kinder, das mir den Weg weist.

Ich dachte gestern noch oft an diesen Satz. Jedes mal musste ich unweigerlich lächeln. Und heute hat sich diese Wahrheit wohl ihren Weg gebahnt. Plötzlich dachte ich, ich müsse darüber schreiben und auch Fotos dazu machen. Ich im Top. In der Seitenansicht, die meinen Bauch gut einfängt, meine dicken Oberarme und all das, was ich bisher gar nicht gern sah. Ich freute mich richtig, diese Bilder zu machen. Vor Kurzem hätte ich weder solche Fotos machen wollen, noch sie jemandem zeigen.

Als ich sie mir vorhin dann ansah, war ich erstaunt. Ich sah die Bilder und fand mich schön. Nein, ich finde mich schön. Das kam völlig unerwartet. 

IMG_8408IMG_8409

IMG_8416

Ich fühle mich befreit. Ich fühle mich wohl und ich finde mich schön. Mit Bauch und allem. Denn alles, was der Spiegel mir zeigt, gehört zu mir. Die blauen Flecken an meinen Beinen, die Stelle an meinem Finger, der Kratzer am Knöchel. die gehen wieder weg. Aber zeitweise sind sie da. Die schiefe Nase und das eine Auge, das immer (kaum merklich) nach Außen rutscht. Meine Narbe am Bauch, durch die alle meine Kinder herausgeholt wurden. Solche Dinge bleiben. Die Summe dieser vielen kleinen Merkmale ist das, was meinen Körper ausmacht. Auch er erzählt eine Geschichte. Meine Geschichte. Mein Körper ist mein Zuhause. Und wo, wenn nicht dort, sollte ich mich sicher und geborgen und richtig fühlen?

Ich hoffe, dass auch meine Kinder sich selbst schön und gut und richtig finden und fühlen. Jetzt und später. Innen wie außen.

Ich bin schön. Du bist schön. Wir sind schön.

Wir müssen es nur sehen und wahr haben wollen!

Enjoy yourself!

29c1be86-8d73-4e0b-bbaf-2a0d73cf69d3

Dicker Bauch und trotzdem gute Laune. Erster Strandtag in dieser Saison.

*** *** ***

Wenn euch ein Beitrag gefällt, freue ich mich, wenn ihr ihn direkt hier im Blog mit „gefällt mir“ markiert und/ oder auch gern via Button in anderen Netzwerken teilt. Alle Buttons findet ihr ein Stückchen weiter unten.

Dankeschön!

*** *** ***

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s