Roses Revolution

Hej,

es gibt Dinge, die ich wichtig finde. Und über die ich denke, dass es wichtig ist, dass viele Menschen davon erfahren.

Darum widme ich die heutigen Zeilen einem bevorstehenden Event: Roses Revolution.

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Was soll denn das sein? Roses Revolution [kl!ck] ist eine Aktion, die ein Zeichen setzen will. Ein stilles Zeichen. Still, aber nicht weniger aussagekräftig.

Am 17. Dezember 1999 verabschiedete die UN-Generalversammlung ohne Abstimmung eine Resolution, nach der der 25. November zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, auch „Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen“, bestimmt wurde. Roses Revolution hakt sich an dieser Stelle ein und symbolisiert speziell eine Aktion gegen Gewalt in der Geburtshilfe .


Gewalt ist ein großer und weiter Begriff. Es sind nicht nur körperliche Verletzungen, die hier gemeint sind. Die Menschen, die uns Frauen während der Schwangerschaft, unter der Geburt und im Wochenbett betreuen, sollten achtsam mit uns umgehen. Unachtsamkeit ist in dieser sensiblen Situation genauso gewaltsam, wie eine körperliche Verletzung. Wenn wir und unsere Kinder nicht so behandelt werden, wie wir es uns wünschen oder wenn uns unsere Selbstbestimmung und/ oder Würde genommen wird, dann ist das Gewalt.

Geburt ist eine Krise. Das war einer der ersten Sätze meiner damaligen Hebammenlehrerin, als ich meine Ausbildung begann. Mit meinen zarten 21 Jahren und selbst noch nicht Mutter, begriff ich zwar oberflächlich, jedoch noch nicht genau, was das wirklich bedeuten sollte. Die tiefe Bedeutung dieses Satzes verstand ich erst später.

Mit Beginn der Schwangerschaft beginnt auch die Veränderung in uns selbst. Nicht nur körperlich. Schwangerschaft ist eine besondere Zeit. Der Zeitraum, in dem die Kinder dann unseren Körper verlassen, ist eine hochsensible Phase, wir sind zerbrechlich, obwohl wir währenddessen stärker sind als je zuvor.

Werden wir in dieser Zeit nicht unterstützt, und zwar in der Art und Weise, wie wir es individuell brauchen, bröckelt das Fundament. Unsere Zuversicht, der Glaube an uns selbst, wird beschädigt und wir werden anfällig für Interventionen, die wir eigentlich nicht wollen und ebenfalls nicht benötigen würden, würde man uns den Raum geben, den wir brauchen. Einen geschützten Raum, in dem wir uns sicher fühlen und fallen lassen können, um unsere Kinder in geborgener Atmosphäre begrüßen zu dürfen.

Leider höre und lese ich immer öfter von Frauen, denen dieser Raum nicht gegeben wurde. Sie wurden verletzt. Psychisch und/ oder physisch.


Auch ich selbst gehöre dieser Gruppe an. Was das mit mir macht, ist so vielschichtig. Niemals hätte ich geahnt, was für Kreise das nach sich ziehen kann.

Ich fühl(t)e mich schutzlos.

Ich fühl(t)e mich ausgeliefert.

Ich fühl(t)e mich unfähig.

Ich fühl(t)e mich ohnmächtig.

Ich fühl(t)e mich minderwertig.

Ich fühl(t)e mich klein.

Und dann… fühl(t)e ich gar nichts mehr.

Meine letzte Schwangerschaft ist nun schon 3,5 Jahre her. Und trotzdem setze ich hier die Klammern. Denn diese Gefühle sind nicht vergangen. Vieles habe ich aufgrund meiner Ohnmacht und Taubheit erst später bemerkt.

Und dann kamen auch noch die Schuldgefühle. Die Selbstvorwürfe.

Ich war doch zu jenem Zeitpunkt bereits Mutter. Ich hatte eine Hebammenausbildung absolviert. Ich war weder naiv, noch dumm. Und trotzdem konnte die Maschinerie mich marode machen. Mir meinen Willen nehmen und mir und meinen Kindern das antun. Warum habe ich es nicht bemerkt? Warum habe ich mich nicht gewehrt? Warum…? Warum…? Warum…?

Ich kann es nicht mehr ändern. Oh, könnte ich doch nur… Unzählige Male habe ich  mich gedanklich wieder im Kreißsaal gesehen. Aber als Agierende, aktiv. Nicht als Versuchskaninchen der Weißkittel. Was ich hätte sagen können…was ich hätte machen können…was ich hätte verweigern können…wie ich mich und meine Kinder hätte beschützen können…

Aber damals war es mir nicht möglich. Ich hatte keine Kraft. Ich war keine Löwin mehr. Ich betrat den Kreißsaal, wusste nicht, dass ich in die Lebendfalle getappt war, und wurde erlegt.


Was das alles nach sich zog, wie sehr es mich verändert und mein weiteres Leben beeinflusst hat, mag ich an dieser Stelle nicht erzählen. Doch es sei gesagt, DASS es Folgen hatte.

Und deshalb gehe ich am 25.11. schweren Schrittes in die Klinik und lege meine Rosen nieder. Drei Stück. Eine für mich und jeweils eine für meine beiden Töchter.

Symbolisch dafür, dass auch sie Opfer wurden. Und in der Hoffnung, dass es ihnen später einmal möglich sein soll, respektvoll begleitet, selbst gebären zu dürfen.


„Wünschen sich die Frauen eine direkte Reaktion auf ihre stumme Anklage?“ 

hörte ich einmal die Frage. Dies ist natürlich jeder von uns selbst überlassen. Manch eine schreibt einen ausführlichen Geburtsbericht und legt ihn mit ihrer Rose nieder. Manch eine schreibt einen Brief an das Kreißsaal-Team. Manch eine belässt es bei der wortlosen Rose. Manch eine schafft diesen Gang gar nicht und lässt stellvertretend von anderen ihre Rose ablegen. Wer das Gespräch sucht, wird dies sicherlich auch kommunizieren.

Bei Roses Revolution geht es (meiner Meinung nach) um das Zeichen.


„Aber es wird ja nicht explizit benannt, was als Gewalt empfunden wurde. Es ist keine konstruktive Kritik.“ 

las ich als Reaktion auf die Aktion.

Ich persönlich denke, dass es hier nicht um Einzelheiten geht. Es ist der stille Protest. Dieses Thema ist ohnehin so emotional, und es fällt so vielen Betoffenen schwer, das überhaupt anzuerkennen, sich selbst zuzugestehen, dass ihnen Unrecht widerfahren ist, dass es keiner Details bedarf. Allein schon der Hinweis, dass jemandem hinter einer Tür Gewalt angetan wurde, sollte reichen. Wer Einzelheiten fordert, übersieht und übergeht das Offensichtliche. Wenn ich in einem Kreißsaal arbeite, vor dessen Tür eine Rose abgelegt wird, sollte ich mich nicht fragen, wer da wohl was falsch gemacht hat. Sondern ich sollte auf mich schauen. Wie agiere ich tagtäglich? Bin ich aufmerksam? Aufmerksam genug? Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um Bewusstsein. Man darf es auch als Hinweis und Anregung zum eigenen Qualitäts-Check interpretieren.


Hauptsache gesund!“

Das dürfen wir uns oft anhören, wenn wir es wagen dieses Thema anzuschneiden und die Hebammen, Ärzt_innen und Co zu kritisieren. Doch es gibt mehr als nur unsere Körper. Ja, wir und unsere Kinder gehen dann -hoffentlich- körperlich gesund nach Hause. Doch was ist mit unserer Psyche? Warum ist es ein Tabu? Warum dürfen wir nicht wütend und traurig sein, wenn unsere Geburt ein schlimmes Erlebnis für uns war?

Wir müssen nicht qualvoll die Details benennen, um den Fachleuten im Kreißsaal aufzuzeigen, was genau schief gelaufen ist. Schon eine einzelne Rose vor einer Kreißsaaltür sollte das Team wachrütteln, es dazu anhalten, in sich zu gehen, sich selbst kritisch zu betrachten und dazu anregen den Frauen, Kindern, Familien wieder aufmerksam zu begegnen. Denn: EACH WOMAN IS A ROSE!

Ja, es gibt Standards. Doch wir sind Menschen. Und nicht wir müssen in die Standards gepresst werden, sondern die Möglichkeiten sollten sich uns anpassen. Nach dem Motto: was nicht passt, wird passend gemacht.

Wer erwartet, dass wir bis ins Kleinste berichten, damit der Kreißsaal sich an imaginären Listen der No Gos orientieren kann, hat nicht verstanden, lehnt sich gemütlich zurück und gibt uns Frauen eigentlich indirekt damit die Schuld für das, was uns widerfährt bzw. widerfahren ist.

Mir ist bewusst, dass auch strukturelle Umstände zu dieser (strukturellen) Gewalt führen. Schlechte Betreuungsschlüssel und dergleichen bedeuten viel Stress für das Personal. Das ist schlecht. Und ja, die Hebammen haben noch an ganz anderer Front zu kämpfen, doch diejenigen die sich dafür entscheiden Geburtshilfe zu praktizieren, sollen dies dann auch bewusst und mit vollstem Respekt jeder Frau gegenüber tun. Sie sollen menschlich sein. Menschlich handeln.

Leider wird Geburtshilfe in der Klinik irgendwie zur Routine, und das ist nicht in Ordnung. Und genau da setzt der stille Protest für mich an:

Wenn ich in diesem sensiblen Bereich arbeite, muss ich jeden Tag, in jedem Dienst, bei jeder Frau in jedem Moment wach, bewusst, respektvoll sein, die Frau in den Fokus stellen und mich in den Hintergrund stellen. Egal, wie die Umstände sind. (Notfälle sind selbstredend etwas anderes.) Denn wenn ich dort arbeite, habe ich mich dafür entschieden. Aus welchen Gründen auch immer. Wenn ich einer Frau die Kreißsaaltür öffne, muss ich den Stress, der mich umgibt, abstreifen und mich auf sie einlassen. Vollkommen. Ich muss beobachten, in den Dialog gehen und erfahren, wer da vor mir steht. Und auf diese Person muss ich dann individuell reagieren.


Sprache schafft Realität

Es ist wahr. Und Sprache ist hier einfach besonders wichtig.

Wie oft fallen beiläufig irgendwelche Bemerkungen, wenn die Fachleute sich unterhalten oder aber auch direkt der Frau gegenüber? Aber auch das Fehlen von Sprache kann Gewalt sein. Wenn der Gebärenden nicht gesagt wird, was Sache ist, wie die Situation sich darstellt, was evtl. als nächstes gemacht werden könnte. Wenn Entscheidungen getroffen werden, ohne die Frau einzubeziehen. Oder wenn nichts passiert und die Frau nicht weiß, was das zu bedeuten hat. Sprache kann Gewalt sein. Sprache ist ein enormes Machtinstrument. Jeder respektlose Satz, der an uns Frauen gerichtet ist oder sich über unsere individuellen Bedürfnisse hinwegsetzt, hat nichts bei einer Geburt verloren und bedeutet Gewalt.

Folgende Bilder mit Zitaten habe ich von dieser Seite hier [kl!ck] .

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Und Sprache sollte auch unbedingt innerhalb des Teams Anwendung finden. Sich gegenseitig kritisch hinterfragen. Ich weiß, dass das bei vorherrschender Krankenhaus-Hierarchie wirklich schwierig ist. Doch das darf keine Ausrede sein, um den Mund zu halten. Es bedeutet nicht, dass man sich gegenseitig bloßstellen soll. Aber wenn ich wachen Verstandes eine Situation bemerke, die nicht in Ordnung ist, darf, soll, nein, MUSS ich den Mund aufmachen. Je nach Situation in Anwesenheit der Frau oder eben hinter den Kulissen. Manch eine_r realisiert gar nicht, was sie/ er Gewaltvolles sagt oder tut, und ist daher vielleicht sogar dankbar für Hinweise.


Als ich vor einem Jahr los zog, um meine Sectionaht entstören zu lassen, fragte mich der Physiotherapeut in Bezug auf meine erste Sectio: „Und, haben sie mit Angst gearbeitet?“ Ich war so verdattert ob dieser Frage. Dass er es so klar sehen und formulieren konnte. Denn die Antwort auf seine Frage lautete: ja, sie haben mit Angst gearbeitet. Und zwar so richtig. Mit der Frage „Wollen Sie denn, dass Ihr Kind ohne Mutter aufwächst!?“ hatten sie mich während des Anmeldegesprächs innerhalb weniger Sekunden von meiner geplanten Hausgeburt zur Sectio überredet. Auch meine (gestandene) Hausgeburtshebamme und ein externer Gynäkologe waren von diesem Moment an nicht mehr der Meinung, dass ich zu Hause gebären sollte. Shit happens. Oder wie sagen Fachleute?

Auch dieses Arbeiten mit Angst ist Gewalt. Wenn Angst benutzt wird, um uns Frauen unser Einverständnis abzuringen oder eine fehlende Notwendigkeit vorzugaukeln, dann ist das Gewalt. Der Kaiserschnitt als Folge dieses Angst-Geredes, oder ein Dammschnitt sind dann keine Hilfe in der Not, sondern Gewalt.


Wir müssen das nicht hinnehmen. Wir dürfen das nicht hinnehmen. Auch wenn wir als einzelne vielleicht keine weiteren Kinder mehr bekommen werden, die Familienplanung abgeschlossen ist, so gibt es doch die anderen Frauen… später auch unsere eigenen Töchter, Schwiegertochter, Enkeltöchter… die vielleicht auch Kinder bekommen werden. Auch an sie müssen wir denken und es nicht einfach abhaken. „Ich bin raus, also betrifft und interessiert es mich nicht länger“ ist für den Moment vielleicht ganz angenehm. Aber wem ist damit geholfen?


Wer eine Rose (mit oder ohne Brief) niederlegen will und Begleitung oder eine Stellvertretung hierfür sucht, kann hier nach Treffpunkten schauen. Aus Erfahrung weiß ich, wie schwer dieser so einfach wirkende Gang sein kann. Gemeinsam ist vieles einfacher. Lasst es uns tun! Lasst es uns nicht still ertragen! Lasst uns still laut sein!


[Wir müssen nicht mutterseelenallein sein. Wem Gewalt angetan wurde, tut gut daran, sich Hilfe zu holen. Schatten & Licht e.V. ist ein Verein, der bei Krisen deren Ursache rund um die Geburt zu finden sind, hilft.] logo_new

 

 

 

[Marie von Kuck hat ein Radio-Feature zu diesem Thema gemacht: „Weinen hilft dir jetzt auch nicht!“. Unbedingt hörenswert.]

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Bild von hier: http://www.deutschlandfunk.de/gewalt-in-der-geburtshilfe-weinen-hilft-dir-jetzt-auch-nicht.1247.de.html?dram:article_id=397383

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Ein Gedanke zu “Roses Revolution

  1. Annika schreibt:

    EIn sehr starker Text! Du hast ganz recht: es ist icht nur die körperliche Gesundheit, die zählt. Wir müssen auch psychisch richtig betreut werden. Das vergessen viele immer wieder. Es gibt ja schließlich auch die sogenannte „Wochenbettdepression“- auch um da wieder rauszufinden, braucht man Hilfe. Leider ist es ja auch schwierig geworden, eine private Hebamme zu finden….von den Extrakosten will ich gar nicht erst anfangen. Das “ Bullshit-Bingo“ liest sich wie ein lächerliches Deja-Ju…Mindestens einer dieser Sätze fällt garantiert immer. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln! Ich selbst hatte großes Glück bei der Geburtsbetreuung und danach. Aber der Faktor „Glück“ sollte dabei eigentlich keine Rolle spielen dürfen. Bitte mach weiter mit der Roses Revolution. Über solch ein Thema muss offen gesprochen werden!

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