Ernte

Der vergangene Sonnabend war wohl die Quittung für all das, was ich in den letzten Jahren tat. Und genau das, was ich gerade gebraucht habe… Karma.

In diesen letzten Wochen kam ich innerlich kaum zur Ruhe. Ich glaube daran, dass alles seine Zeit hat. Und dass bestimmte Dinge geschehen, weil sie geschehen sollen. Genau dann und genau so.

Dieser Sommer steht bei mir zum großen Teil unter dem Motto Familiengeschichte. Ich bin mal wieder tiefer eingetaucht in den Sumpf der Vergangenheit, habe neue Bücher zum Thema Kriegs(enkel)kinder gelesen und es in mir arbeiten lassen. Immer wieder staune ich darüber, dass all das, was mich so sehr bewegt und antreibt, durch meine Kinder ausgelöst wird. Vieles bei mir ist aktuell im Wandel.

Vor wenigen Wochen noch, war ich der Meinung, ich müsste die Segel streichen und das Weite suchen – allein. Ganz allein. Bloß weg. Nichts ging mehr. Unsere kleinen Damen hatten außer Nörgeln, Quengeln, Drängeln, Schreien, Ziehen und Zerren nichts anderes für mich übrig. Mein Tinnitus regelte sich hoch und ich wollte einfach nur noch Ruhe.

Am nächsten Tag nahm ich mir eine spontane, unüberlegte Auszeit und fuhr für einen Tag zu meinen Eltern. Zum ersten Mal in diesem Jahr. Als ich am Abend nach Hause kam, hatte sich irgendwas geändert. Nicht greifbar, aber spürbar. Mal wieder die richtige Aktion zur richtigen Zeit. Ab da ging es langsam wieder bergauf.

Wenige Tage später kam mein großes Mädchen nach zwei Wochen aus dem Zeltlager zurück. Kurzes Gastspiel zu Hause, Wäsche waschen, Koffer packen und wieder los. Wir verabschiedeten uns an der Sicherheitskontrolle des Flughafens von ihr und ließen unsere Zwölfjährige mutterseelenallein von Hamburg nach Athen fliegen. Ohne Begleitservice, ohne alles. IMG_6443Das war aufregend. Wir blieben noch die kompletten zweieinhalb Stunden bis zum Abflug am Flughafen, für den Fall, dass… Die kleinen Damen nahmen es gelassen, tobten, tanzten, rutschten.

Nachdem der Flieger dann in den Wolken verschwunden war, lud ich den Rest meiner Familie ein und fuhr mit ihnen in den Stadtpark. Heimat. Ich wollte ihnen doch nun auch endlich mal einen richtigen Spielplatz zeigen. Den Spielplatz, der mir und meiner Großen die Homebase war, als wir noch allein in Hamburg lebten.

 

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Als Ausgleich für den stressigen Flughafen-Tag war das genau das Richtige. Vier Stunden Spielplatz inklusive Planschen und Pommes, um dann gegen 22 Uhr im Auto auf dem Heimweg einzuschlafen. Auf der Autobahn klingelte das Mobiltelefon. Athen rief an.

 

 

Die Tochter war wohlbehalten angekommen und in Obhut unserer befreundeten Familie. Abgefahren. Mega glücklich und gleichzeitig schwermütig nahm ich wahr, was da gerade passierte. Mein kleines großes Mädchen wird flügge. Loslassen. Muttersein ist in solchen Momenten paradox. Ich freue mich wirklich sehr. Sie wird groß. Und sie ist schon so groß, dass sie ohne zu zögern solch eine Reise antritt. Sie ist mutig. Ich schätze, dass sie hiermit den Grundstein für ihre geplante Weltreise, die sie nach dem Abi machen will, gelegt hat. Loslassen.

 


Ein paar Tage später war Familienbesuch angesagt. Ich verband das Notwendige mit dem Nützlichen und besuchte eine meiner ältesten Freundinnen. Die Zeitreise begann. Familie treffen, im Elternhaus übernachten, alte Freundinnen treffen, Kopfkino, Erinnerungen an eine Zeit, die ich irgendwie gar nicht mehr auf dem Schirm hatte, und die mich traf wie eine Bombe. Nach drei Tagen Zeitreise dann wieder nach Hause. Ruhe. Unruhe.

Drei Tage später ein unverhofftes zweieinhalbstündiges Telefonat mit einer anderen uralten Freundin. Erzählen vom Erlebten der letzten Tage. Wohlbefinden. Erdung.


Und dann werde ich heute, nach nur vier Stunden Schlaf geweckt, und weiß noch gar nicht, welch großartiger Tag mich erwarten würde.

Mein Mann wurde gleich morgens zu einem Umzug abgeholt. Also Mädchentag für uns. Ob des Wetters und meiner Planlosigkeit war ich etwas unsicher, wie der Tag verlaufen würde. Und dann wurde es ein absoluter Selbstgänger.

Nachdem die kleinen Damen auf der Terrasse ihr Smarties-Frühstück für sich und ihre Puppis aufgebaut hatten, schnappte ich mir den Rasenmäher und legte los.

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Vom Frühstückstisch ging es direkt in die Sandkiste. Als ich dieser näher kam, schleppten die Kinder alles, was sie finden konnten von dort weg auf die Terrasse und spielten dort weiter. Ich war fast fertig, da gab es einen kurzen, aber ordentlichen Schauer. Herrlich.

Wir drei trafen uns unter der großen Plane, die ich eigentlich zum Trocknen über die Schaukel gehängt hatte. Neues Zelt. Als uns dann einfiel, dass die Smarties im Regen gestanden hatten, liefen die Damen los und räumten nicht nur ihre Schüsseln, sondern alles, wirklich alles, was sie finden konnten, in die Garage und den Schuppen. So leer war es auf der Terrasse noch nie gewesen.

Da zwei von uns nackig und von Wind und Regen doch etwas abgekühlt waren, gingen wir erstmal wieder ins Haus.

Und auch dort wurde gespielt, gespielt, gespielt. Und ich konnte Sachen erledigen, die schon lange gewartet hatten. Zum Beispiel habe ich endlich mal die kaputte Lampe im Flur abgeschraubt und durch eine neue ersetzt. Nach drei Jahren kann man das mal machen, dachte ich. Einige solcher liegengebliebenen To Dos konnte ich heute ohne Störung abhaken.

Was ja auch so passend ist. Denn ich habe für mich festgestellt, dass meine Wohnung immer ein Spiegel meines Innenlebens ist. Und dabei ist mir aufgefallen, dass das Ausmisten, Umräumen, Sortieren, Einräumen immer zu dem passt, was da läuft. Ich frage mich, wofür die beiden alten Lampen stehen, die ich heute abmontiert und einfach weggeworfen habe.

Während ich also mein Inneres sichtbar in der Wohnung aufbereitete, vergnügten sich die Damen zu zweit. Dass dabei unter anderem die halbe Speisekammer ausgeräumt und in den Zimmern verteilt wurde, störte mich null. Auch dass dafür alle meine Handtaschen benutzt wurden. Spielzeug hier, andere Sachen dort. Alles durcheinander und überall verteilt. Und ich so: „oh, wie schön, was spielt ihr denn gerade?“

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Zwischendurch hatten wir ganz entspannte Momente zu dritt. Momente, zu denen ich nicht gerufen wurde, sondern in denen ich von mir selbst aus zu den Kindern ging. Ganz ungenervt, ganz entspannt. Es war mir ein Fest.

Unser Mittagessen gab es gegen halb vier aus einer Tupperschüssel im Garten. Ich mit der Schüssel in der Hand und die Damen kamen für jeden Haps von der Schaukel gesprungen und angerannt. Herrlich.

Abends ging es vom Garten aus direkt in die Wanne und von dort nach oben. Nochmal essen. Und dann Malsachen rausholen.

Ich mach dann mal Yoga. Eine Viertelstunde später gesellten sich die Damen dazu. So lagen wir dann zu dritt in der Stube. Während einer kurzen Entspannungsphase guckten die kleine E. und ich uns an, und ganz unvermittelt höre ich sie sagen: „Mama, ich hab dich lieb!“ gefolgt von einer (etwas merkwürdigen Liege-Yoga-) Umarmung.

Zwei Stunden später schliefen wir, wie jeden Abend, zu dritt im gemeinsamen Bett ein.

 


An jenem Tag habe ich geerntet. Ja, ich denke, so möchte ich es nennen. Es ist keine Belohnung, denn das würde in meinen Augen implizieren, dass ich aus Berechnung gehandelt hätte oder eben doch gezogen, gesteuert, gelenkt. Oder dass ich Opfer bringen musste. Doch das tat ich nicht. Nein. Ich tat, was ich tat, weil ich denke, dass es das Richtige ist und die optimale Haltung, um kleinen Menschen auf ihrem Weg zur Seite zu stehen. Ich tue es aus Überzeugung.

Ich durfte am Wochenende sehen, fühlen und erleben, warum wir unsere Kinder auf die Art und Weise begleiten, wie wir sie begleiten.

Auf Augenhöhe und miteinander zu sein, im Zweifel selbst (als die Erwachsenen) zurückzustecken, wenn kein Unden möglich ist, das alles stärkt unsere Beziehung, das ist Teil unserer Saat.

Und die Ernte fällt um einiges gigantischer aus, als ich es je zu träumen gewagt hätte.

Vor wenigen Wochen noch, blinkte mein Akku dramatisch auf. Ich dachte, es geht nicht mehr, ich kann keine Haltung mehr bewahren, meine Haltung nicht wahren. Und plötzlich klart der Himmel auf…

Ich bin so so so froh darüber, dass ich durchhielt und meine Kinder mir die ungeduldigen, auch mal lauten und bockigen Anfälle meines inneren Kindes nicht nachtragen, sondern wir trotz und wegen all den Dingen, die wir erleben, weiterhin zusammen_wachsen

– danke!

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