Schule, Schulwahl & Bauchgefühl

Schule war für mich als Mutter damals kein großes Thema, selbst als es direkt vor der Tür stand. Meine eigene Schulzeit war relativ unspektakulär.

Grundschule in einem Dorf. Meine Klassenkamerad_innen waren schon alle mit mir gemeinsam im Kindergarten gewesen. In meinem ersten Zeugnis stand, dass ich mich und andere vom Unterricht ablenken würde. Ja, ich war gelangweilt. Ich musste in der Ecke stehen. Meine Mutter erzählte mir, dass ich das gar nicht schlimm fand, ich hätte die Vögel draußen beobachtet. Auch vor der Tür stehen musste ich, was ich irgendwie merkwürdig fand. So ging es in der ersten Klasse los.

Nach vier Jahren stand der Wechsel zur weiterführenden Schule an. Ich hatte eine Empfehlung fürs Gymnasium. Da wollte ich aber nicht hin. Erstens wird man da eingebildet. Zweitens wollte ich an dieselbe Schule, an der auch meine großen Schwestern waren. Auch dort war es unspektakulär. Gut die Hälfte meiner Klasse bestand aus Leuten aus meiner Grundschulklasse. Ab der achten Klasse hatte ich den weltbesten Lehrer in Englisch. Nein, ich war nicht verliebt in ihn. Aber er beeindruckte mich. Zu jeder Stunde betrat er mit dem Klingeln das Klassenzimmer. Trödeln war da nicht. Sein Unterricht war klar und fordernd, aber trotzdem witzig. Erdkunde und WiPo unterrichtete er auch bei uns. Und weil ich ihn so toll fand, wählte ich alle Wahlpflichtkurse bei ihm. So hatte ich dann noch zusätzlich Wirtschaft und spielte in seiner Handball-AG. Dieser Wahl hatte ich dann wohl auch zu verdanken, dass ich im Anschluss an meinen Realschulabschluss den Zweig Wirtschaft wählte als ich mich am Fachgymnasium bewarb.

In der elften Klasse überkam mich dann das Null Bock-Syndrom. (Witzig, weil mein liebster Lehrer ebenfalls Bock heisst. Und der war ja nun nicht mit mir zur neuen Schule gewechselt) Dem Schulverweis aufgrund permanenter Abwesenheit gerade noch entkommen, drehte ich eine Ehrenrunde und machte dann drei Jahre später mein Abi. Wie und warum es für mich auch anders -und vielleicht besser- hätte laufen können, erfuhr ich erst 13 Jahre später.


Mein großes E sollte also zur Schule kommen. Gut. Mich über verschiedenste Schularten zu informieren, kam mir damals nicht in den Sinn. Rückblickend war ich wirklich schlusig. Die Grundschule, zu deren Einzugsgebiet wir gehörten, war ihrem Ruf nach katastrophal. Mehrere befreundete Familien hatten ihre Kinder dort gehabt und rieten uns ab. Sogar die Kinder selbst. Eine (!) Mutter, die ich aus dem Kindergarten kannte, erzählte uns von einer anderen Grundschule, an der ihr Sohn im ersten Jahr sei. Sie wären sehr zufrieden und könnten die Schule empfehlen. Das reichte mir. So meldete ich meine Tochter dort an. Ohne mir auch nur die Gemäuer wenigstens vorher mal angesehen zu haben. Ist halt eine Grundschule, hatte ich gedacht.

Aber dann kam der Infoabend, zu dem alle neuen Eltern geladen wurden, um sich die Infounterlagen und eine verbale Wischiwaschi-Aktion abholen durften. Ich betrat das Gebäude und sah all diese Leute. Die Schulleitung in ihrem Kostüm und den Perlenohrringen machte es nicht besser. Als die Veranstaltung beendet war, schnappte ich meine Sachen, rannte zum Auto, setzte mich hinein und heulte. Ich heulte Rotz und Wasser. So unglücklich war ich. Alles in mir schrie: „Um Himmels Willen…Nein! Nein, nein, nein! Wo sind wir da nur gelandet!?“ Eine Viertelstunde später war das Schlimmste überstanden und ich fuhr nach Hause. Diesen großen Aufschrei meines Bauchgefühls verdrängte ich danach komplett. Erst zum Ende der vierten Klasse fiel mir wieder ein, wie ich da im Auto gesessen hatte.


Der Start an der Schule war zäh. Wir waren in der, so vermuteten wir, Reste-Klasse gelandet. Alle Jahrgänge dieser Grundschule waren vierzügig. Und nicht nur die Zusammensetzung der Kinder (nicht nach Wohngebiet oder ähnlichem) war so. Auch die Klassenlehrerin war wohl irgendwo übrig geblieben. Eine junge Frau, damals frische dreißig Jahre alt, und ausgestattet mit einer gefestigten, großen Portion schwarzer Pädagogik. Sie setzte auf Strafen, in Gruppen oder einzeln, schreien, bloßstellen und dergleichen. Ich mache ihre Kinder fit fürs Gymnasium, verkündete sie. Das schreckte mich ab, als ich das erfuhr. Dürfen die Kinder nicht Bitteschön einfach erstmal in der Schule ankommen, bevor da irgendwas anderes Großes gemacht wird?

In den ersten zwei Jahren waren Deutsch- und Matheunterricht mit einer zusätzlichen pädagogischen Fachkraft bestückt gewesen. doch auch damit konnte nicht aufgefangen werden, was hätte aufgefangen werden müssen. Es ist bestimmt kein Zuckerschlecken, heutzutage allein vor eine Klasse von ca. 25 Kindern zu stehen, von denen einige integrative Hilfe benötigen, andere einfach mitschwimmen, andere wiederum ganz anderen Input benötigen, kurzum, eine große Bandbreite an Bedarf besteht. Wenn Kinder anfangen zu randalieren und man nicht weiter weiß. Doch ich empfinde es ganz sicher als unprofessionell, wenn man dann in die Strafkiste greift, anstatt sich einzugestehen, dass man es allein nicht hinbekommt, und sich dann Hilfe ins Boot holt.

Als wirklich schlimm empfand ich es, dass diese fiese Person in der Rangliste über mir stand. Einfach nur deshalb, weil sie die Lehrerin war. Die erste offizielle Autoritätsperson, die mein Kind kennenlernte. Ich könnte mich heute noch schütteln,wenn ich an diese Frau denke. Ihre ganzen respektlosen, würdelosen, verletzenden Praktiken wurden von den Kindern aufgenommen. So fing mein Mädchen eines Tages aus dem Nichts an, ihre Freundin anzupfeifen, während wir zusammen saßen und ein Spiel spielten. Was denn los sei und wieso sie ihre Freundin anschreien würde, wollte ich wissen. Sie hätte etwas falsch gemacht. Und woher kommt die Idee, dass du sie deswegen anschreien darfst? Frau Ürks macht das auch so. Bäääm.

Ich wollte das nicht als gegeben hinnehmen und suchte immer wieder das Gespräch. Meiner Tochter war das unangenehm. Mir ging es um Gerechtigkeit. Gebracht hat es unterm Strich leider kaum bis nichts. Die Lehrerin schickte mich gern zur Direktorin, die wiederum verwies mich an die Lehrerin usw. Sie waren genervt von mir.

Höhepunkt dieser Abneigung war ein Streit zwischen mir und der Schulleitung. Ich wurde mal wieder an sie verwiesen. Worum es ging, weiß ich schon gar nicht mehr. Doch ich weiß noch, wie ich da saß, auf dem Stuhl in ihrem Büro. Sie hinter ihrem Schreibtisch. Irgendwann stand sie auf, diese hochgewachsene Frau, und vor mir. Sie wollte mir nicht antworten und mich stattdessen hinaus befördern. Und ich saß da, war bockig und sagte ihr, dass ich diesen Raum erst dann verlassen würde, wenn sie mit mir spräche und meine Fragen beantworten würde. Es endete so, dass ich sie anschrie. Laut. Sie schrie zurück. Und es war mittlerweile Pause und die Türen geöffnet. Sicherlich haben einige uns gehört. Aber das war mir egal. ich hatte dort gesessen und mich wie ein kleines Schulmädchen gefühlt. Doch mit diesem Gefühl wollte ich nicht gehen. Ich war dort als Mutter. Und so wollte ich auch behandelt werden. Dieses überhebliche Getue stand mir bis zur Oberkante. Letztlich lenkte sie ein, ich bekam, was ich wollte und ging zitternd nach Hause.

Dabei war ich von Anfang an stets freundlich an die Lehrkräfte herangetreten. Ich hatte weder übertriebene Erwartungen noch Forderungen. Ich fragte interessiert nach, äußerte gegebenenfalls meine Bedenken, hatte aber auch stets Änderungsideen im Hinterkopf, für den Fall, dass mich mal jemand hätte fragen können. Das tat aber niemand.

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Links im Bild: Gruppentisch. Warum? dort saßen zur Belohnung die Streber_innen. Im Rücken der restlichen Klasse. Zudem echt übel zur Tafel positioniert, die stets Mittelpunkt des Unterrichts war.

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Hier sieht man den Gruppentisch nochmal aus der anderen Perspektive. Alle anderen Kinder saßen in U-Form zusammen.


Oft hatte ich darüber nachgedacht eine andere Schule zu suchen. Doch es gab einen entscheidenden Faktor: Freundschaft. Mein Mädchen hatte an ihrem ersten Tag im Hort ein Mädchen kennengelernt und sie sofort in ihr Herz geschlossen. Zwei Tage später war die Einschulung und die beiden waren zufällig in einer Klasse gelandet. Ein Herz und eine Seele. Ein Schulwechsel würde eben nicht nur neue Lehrkräfte, sondern eben auch neue Kinder mit sich bringen. Und man weiß nie, was man bekommt. Diese Freundschaft war (und ist es noch) etwas so Besonderes. Das wollte und konnte ich ihr nicht nehmen. Ich fand diese Verbindung wichtiger als alles andere an der Schule. Wenn es schon schlecht läuft, dann wenigstens mit einer guten Freundin an der Seite. Neben diesem Mädchen gab es noch ein, zwei andere Kinder, die meine E mochte. So blieben wir an der Schule.


Zu Beginn der dritten Klasse war es dann soweit. Meine Tochter wollte nicht mehr zur Schule gehen. Die Lehrerin, der Unterricht… sie war frustriert. Trotzdem erbrachte sie die Leistung, die die Schule von ihr erwartete. Aber der Glanz in ihren Augen, was die damalige Anfangseuphorie in Bezug auf Schule betraf, war erloschen. Ich fand es damals wirklich furchtbar. Vor allem, mit dem Wissen, dass sie noch 8 weitere Jahre vor sich hatte. Ich war wütend. Und für die Wahl der weiterführenden Schule, nahm ich mir Großes vor.


Schulwahl

Mitte der vierten Klasse war es soweit. Die weiterführenden Schulen luden zu ihren Info-Abenden ein. Ich hatte gerade zwei kleine Kinder im Alter von einem Dreiviertel Jahr und war nicht abkömmlich. Da die abendlichen Werbeveranstaltungen somit für mich ausfielen, schrieb ich an die Schulen, die wir anvisierten, jeweils eine Email, mit der Anfrage für ein Einzelgespräch.

Vier Mails verschickte ich. Eine der Schulen antwortete gar nicht. Überhaupt nicht. Wer es nicht einmal fertig bringt, einen Zweizeiler aufzusetzen „…ey, sorry, sowas machen wir nicht…“, ist für mich von Vornherein die falsche Adresse. Denn egal, wie albern oder überflüssig ein Anliegen ist, so sollte es doch ernst genommen werden.

Blieben noch drei Schulen. Von allen erhielt ich Antwort. Alle waren bereit.

Schule Nummer 1 besuchte ich zur Mittagszeit. Meine Tochter, die es betraf, war natürlich dabei. Außerdem meine Mutter und die Kleinen. Großartiges Gespann. Die Direktorin empfing uns gemeinsam mit ihrer Unterstufenleiterin. Es war ein sehr sachliches Gespräch, das ich erst später für mich einordnen konnte. Die Leitung kam mir sehr distanziert vor. Doch später erfuhr ich, dass sie noch relativ frisch als Direktorin an der Schule war und so wurde aus dem distanziert ganz schnell ein verunsichert. Das Gespräch an sich war ok. Kein Oberbrüller, aber auch nicht doof. Und es war eben mein erstes Gespräch dieser Art. Im Anschluss bekamen wir eine kleine Führung. Mein Mädchen war ganz angetan, denn die Gemäuer muteten wie Hogwarts an, und sie hatte gerade Harry Potter gelesen.

Die zweite Schule war schon eine Nummer größer. Ungefähr 1.100 Schüler_innen werden hier beschult. Die Jahrgänge sind sechszügig. Altobelli. Hier kamen wir in derselben Besetzung, ebenfalls zur Mittagszeit. Empfangen wurden wir in diesem Fall allerdings von einem Herrn Direktor. Im Vergleich zur ersten Schulleitung, war hier sofort klar, dass wir es mit einem in seinem Amt erfahrenen Mann zu tun hatten, der weiß, wie man sich und seinen Laden gut verkaufen kann. Eine Unterstufenleitung und ein Begabungspädagoge (oder so etwas in die Richtung) waren zugegen. Das Gespräch war ähnlich, aber von Seiten der Schule offensiver. Im Anschluss wurde uns ein Raum gezeigt, in dem Veranstaltungen für besonders begabte Kinder stattfinden. Diese Schule ist nämlich kein einfaches Gymnasium, sondern schmückt seine aushänge noch zusätzlich mit dem Titel Kompetenzzentrum. Unsere Grundschule hatte ebenfalls eine Plakette im Eingangsbereich hängen, nämlich SHiB-Schule. Doch dass das Vorhandensein einer Auszeichnung nichts mit einer vor Ort vorhandenen Kompetenz zu tun haben muss, habe ich damals gelernt. Der Begriff Kompetenzzentrum machte mich daher eher stutzig.

Die dritte Email aber beeindruckte mich schon als solches.

Sehr geehrte Frau Siebert,

selbstverständlich stehe ich für das von Ihnen gewünschte Gespräch gern zur Verfügung. Allerdings bin ich momentan wegen einer OP noch nicht arbeitsfähig und werde voraussichtlich erst am 19.1. wieder einsteigen. Ich gehe davon aus, dass ich vom 20. bis zum 23.1. einen Nachmittagstermin für Sie einrichten kann, halte es aber für sinnvoll, die endgültige Festlegung erst nächste Woche vorzunehmen, weil ich dann besser einschätzen kann, was möglich sein wird. Wenn Sie damit einverstanden sind, melde ich mich nächsten Mittwoch zu diesem Zweck noch einmal bei Ihnen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Bitte was? Da liegt jemand krank zu Hause, checkt zeitnah seine Mails und antwortet sogar direkt? Das fand ich großartig. Unser Treffen fand dann sogar an einem Tag unter der Woche um 18.00 Uhr statt.

Hier trafen wir nur eine Person, den Verfasser der netten Email, der als Unterstufenleiter tätig ist. Das Treffen hatte er allerdings nicht ein sein Büro, sondern in einen Klassenraum verlegt. Alles ganz anders als bei den vorigen Schulen.

Er gab sich wirklich viel Mühe, um mit meinem Mädchen ins Gespräch zu kommen. Leider war es zu damals noch so, dass sie verstummte, wenn unbekannte Leute sie ansprachen. Doch er gab nicht auf. Erst nach einigen Versuchen wendetet er sich dann an meine Mann und mich. Ja, diesmal war meine Mutter nicht dabei. Dafür aber wieder die kleinen Damen.

Das ganze Treffen war sehr angenehm. Mit der Erfahrung zweier Treffen konnte ich gezielt Fragen stellen. Zwischendrin stillte ich, die Kinder krabbelten durch den Klassenraum und unsere Große kritzelte an der Tafel. Ich habe noch ein Bild vor Augen, wie der Lehrer sich auf seinem Stuhl nach hinten dreht, zu mir, ich saß auf einem Tisch, ließ die Beine baumeln. Alles sehr entspannt. Und was ich bei dem Vorgängergespräch als protzig und gekünstelt empfunden hatte, erwähnte er gekonnt in Nebensätzen. Aber eben nicht in einem speziellen Gesprächsteil zum Thema Begabung, sondern all das, was ich von anderen als extra Programme verkauft bekommen hatte, schein hier zum Standard zu gehören, und somit allen Kindern zugute zu kommen. Individuelle Begleitung und Förderung. Ja, das wollte ich nicht für bestimmte Kinder, die es aufgrund besonderer Tatsachen einforderten, sondern ich wollte das für jedes Kind.

Ich fuhr nach Hause und hatte ein gutes Bauchgefühl.


Trotzdem hielt die Entscheidungsphase noch an. Denn es waren noch vier Wochen bis zu den Einschreibungen. Das Kompetenzzentrum war schnell von unserer Liste verschwunden. Zu groß, zu protzig.

Das wichtigste Kriterium, das unsere Tochter hatte, war Sprachen. Da haben heutzutage alle ein großes Angebot. Insgesamt tun sich die Gymnasien nicht viel. Der Ruf, den eine Schule aus früheren Zeiten hat, hält sich hartnäckig. Beispielsweise, dass die eine Schule naturwissenschaftlich geprägt sei, die andere wiederum künstlerisch. Schaut man sich die Stundenpläne und AGs an, sind aber kaum Unterschiede zu bemerken. Wir studierten die Internetpräsenzen und mein Mann und unser Mädchen fuhren zu den Info-Abenden.

Die beiden letzten Kandidaten auf unserer Liste waren beide altsprachliche Gymnasien. Wir waren ratlos.

Die Angebote waren sehr ähnlich. Der Entfernung war ähnlich.

Die Wochen verstrichen und die Einschreibungswoche war da. Ich wollte gern, dass wir am Samstag hingingen, damit meine Tochter mitkommen konnte. Ich fand, es war ein bedeutende Ereignis. Doch wir hatten noch keine Entscheidung getroffen. Montag, Dienstag, Mittwoch…Am Freitag war mein Gemütszustand dann so schlimm, dass ich prompt eine Brustentzündung anpeilte. Fieber, Schüttelfrost, Kopfweh, Schmerzen. So schlimm, dass mein Mann nicht zum Flutlichtspiel seines liebsten Vereins gehen mochte.


In dieser Woche hatte sich noch ein anderer Zweifel seinen Weg zu mir gebahnt. Eine Mutter aus unserer Klasse hatte mir erzählt, dass eine Bekannte ihrerseits ihre Kinder just von einer der von uns auserwählten Schulen genommen hatte, weil sie dort sehr gemobbt worden waren. Autsch. Das saß. Ich war verunsichert. Diese Schule hat, wie alle anderen Schulen auch, ihren speziellen Ruf. Ete Petete, um es kurz zu fassen. Kurzerhand schrieb ich wieder eine Mail an den Orientierungsstufenleiter.

Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon so beknackt, dass wir eine Buchstabensuppe aufgerissen hatten, um die Anfangsbuchstaben der beiden Schulen auszuzählen und anhand der Mehrheit dann die Schule auswählen wollten. Jaja… Da dachte ich, ich schaue in meine Mails. Und da fand ich diese Email in meinem Postfach, an jenem Samstagvormittag um 10:31 Uhr, anderthalb Stunden, bevor die Einschreibezeit um war.

…in dieser Frage kann ich Sie guten Gewissens beruhigen: Bei uns spielen Phänomene wie Markendruck und Mobbing keine größere Rolle als an anderen Kieler Schulen. Ich hoffe, dass Sie sich bei unseren Veranstaltungen davon überzeugen konnten, dass unsere Schulgemeinschaft sehr respektvoll miteinander umgeht und dass unsere Schülerinnen und Schüler auf ungezwungene Weise ausstrahlen, sehr gern an dieser Schule zu sein. Leider halten sich in der Stadt unangenehme Vorurteile über uns, die wir durch Transparenz und Gesprächsbereitschaft gern widerlegen möchten.

Wir freuen uns darauf, E. bei uns als Sextanerin begrüßen zu dürfen.

Mit freundlichen Grüßen,

Das war das Zeichen, auf das ich gewartet hatte. Ich klappte den Rechner zu, stand auf und verkündete: „Wir schnappen uns jetzt sofort unsere Jacken und fahren zur KGS!“

Und so kamen wir dort an, auf den letzten Drücker, aber nicht als ganz Letzte. Als wir dann dort am Tresen standen, mit den netten Sekretärinnen noch einen ausgeschnötert hatten und im Begriff waren zu gehen, kam uns der in diesem Zusammenhang für uns wichtigste Mann entgegen. Mit hochrotem Kopf, vom Fahrradfahren, und mit Blumen und Präsenten in den Händen. Es war 12 Uhr, Feierabend, und er brachte diese Dinge den beiden Damen, die so gutgelaunt ihren Dienst für die Einschreibungen an einem Samstag erledigt hatten. Auch das beeindruckte mich wiedermal. Eine wirklich nette Geste, die Gutes versprach. Engagement, Hilfsbereitschaft, Respekt, Anerkennung und was weiß ich noch alles. Keine Show, denn zu dem Zeitpunkt war ja im Prinzip fast kein Publikum mehr da. Einfach nur eine menschliche Geste.

Mit einem Lächeln und einem großartigen Bauchgefühl, verließ ich an jenem Tag das Schulgebäude.


Mittlerweile sind wir nun seit fast zwei Jahren an dieser Schule. Und unsere Wahl wurde bis dato nicht enttäuscht. Meine Mädchen fühlt sich sehr wohl. Ich als Mutter fühle mich sehr wohl. Informationen werden in der Art an die Elternschaft gereicht, dass kaum eine Frage offen bleibt. Und falls es doch mal etwas gibt, das besprechen werden soll, findet sich immer prompt jemand, der ein offenes Ohr hat.

Ich habe sogar einmal morgens, in großer Panik, in der Schule angerufen. Mein Mann hatte unser Mädchen zum Bus gebracht und zu Hause fiel ihm auf, dass es wohl der falsche gewesen war. Ups. Das war ja was für mich… nachdem ich in erster Reaktion panisch durch die Stadt gefahren war und beim Busunternehmen angerufen hatte, rief ich das Sekretariat an. Meine Tochter besitzt kein Handy, also konnte ich sie auch nicht direkt erreichen. Doch eine der Sekretärinnen war so nett, ging in die Klasse und rief mich umgehend zurück. Das Kind saß wohlbehalten in der Klasse. Nachdem sie bemerkt hatte, dass der Bus anders fuhr, stieg sie einfach an der nächsten Haltestelle aus und rannte zur Schule, um auch ja noch pünktlich zu erscheinen. Unterschätze niemals die Kompetenz einer Sextanerin.

Doch auch bei der Frage nach einer Unterstützungsmöglichkeit für die kostenpflichtige Bläserklasse, an der mein Mädchen teilnimmt, bekam ich umgehend Antwort und fast im selben Atemzug auch Hilfe.

Ich bin so froh, dass wir bei der Suche nach einer weiterführenden Schule so aufmerksam und intensiv vorgegangen sind. Denn 6 Jahre sind 6 Jahre. Und die sollen doch schön sein, und kein Horror.

Manch eine_r fand mich und mein Vorgehen vielleicht piefig, aber das ist mir egal. Ich möchte es allen, die unsicher sind, empfehlen, sich intensiv mit der Schulwahl zu beschäftigen. Es lohnt sich.

Dafür, dass wir nun im tiefsten Sumpf des stinknormalen öffentlichen Schulsystems stecken, schätzen wir uns sehr glücklich. Irgendwie schräg, aber so ist es gerade.


Für die kleinen Schwestern peilen wir einen ganz anderen Weg an. Zunächst einmal sind und bleiben wir kitafrei. (Ihre große Schwester kam damals mit 3 Jahren in den Kindergarten. Vollzeit. Zusätzlich kam noch eine Tagesmutter zu uns.) Wenn alles glatt läuft, eröffnet in absehbarer Zeit eine demokratische Schule in unserer Stadt. Wenn das Wirklichkeit wird und die Schule samt Leuten ok ist, sollen unsere Damen dorthin gehen. Eine Familie, mehrere Wege. Alles bleibt anders.

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