Abnabelung 2.0

Große Themen tauchen immer unerwartet auf. Zumindest hier. So nahm ich letzte Woche ganz unbeschwert mein Mobiltelefon zur Hand und las eine Nachricht von meiner Freundin. Ob ich mir vorstellen könne, meine große Tochter in den Sommerferien allein nach Griechenland fliegen zu lassen. Nochmal lesen. Nochmal lesen. Allein? Nach Griechenland?

Hintergrund der Geschichte: meine Große E wird in den Sommerferien für zwei Wochen ins Zeltlager gehen. Seit drei Jahren ihr großes Highlight. Die erste Fahrt dorthin war schon mittelmäßig aufregend. Zwei Wochen am Stück weg. Mit dem Auto in einer Dreiviertel Stunde erreichbar, aber eben trotzdem weg. An dieses jährliche Spektakel hatten wir alle uns schnell gewöhnt. Meine Freundin (ihr Sohn und meine große E sind im selben Alter und befreundet seit sie zwei Jahre alt waren) will diesen Sommer die kompletten Ferien mit ihrer Familie in Griechenland verbringen. Gleich am ersten Ferienwochenende los, zisch und weg. Ein gemeinsamer Urlaub wäre für alle eine coole Aktion. [Wir hier sind für diese Art Urlaub irgendwie nicht bereit. Daher war von Anfang an klar, dass wir als Ganzes nicht mitkommen würden, wenn dann ausschließlich unsere Große.] Da mein großes E die ersten beiden Wochen aber im Zeltlager verweilen wird, kann sie nicht direkt mit. Und da kam meiner Freundin nun die Idee mit dem „allein-hinterher“-Flug. Gemeint ist hier nicht, dass sie ohne mich mit meiner Freundin fliegt, sondern tatsächlich allein allein. Spontan war ich total angetan von der Idee. Also direkt zur großen E und ihr das Angebot unterbreitet. Zurückhaltung. Einen Tag später stand sie mit einer Frage- und einer Pro & Contra-Liste vor mir. Alles abgearbeitet und besprochen und plötzlich singt sie „Ich fahre nach Griiiiiiechenlaaaaaaand!“ Ich so: Schluck.

Was ich im ersten Augenblick als tolle Aktion gesehen hatte, war plötzlich irgendwie bedrohlich. Um die Griechenlandkiste fix zu machen, musste allerdings noch eine schon vorher geplante Urlaubsaktion umdisponiert werden. Tja, mein Mädchen wird eigentlich nur zwischendurch zum Wäsche waschen kurz zu Hause kommen, und dann zacki wieder weg. Schluck. Und so sehr ich mich freue, so sehr bedrückt es mich auch. Als mein Mädchen -noch zweifelnd- vor mir stand und meinte, sie würde sich das nicht zutrauen, entgegnete ich voller Ernst: „Ich traue dir das auf jeden Fall zu!“. Das stimmt auch. Sie ist tough. Ich glaube, das ist eine wirklich großartige, einmalige, tolle Erfahrung, die sie da machen kann. Und viel Energie für ihre Mitte.


Nun habe ich mich heute zwecks Ausstellung eines Personalausweises erkundigt. Das friemeln wir einfach in ihrer freien Woche ab. Bleibt noch die Suche nach einem Flug. Schluck. Ich selbst bin erst zweimal in meinem Leben geflogen. Einmal zu einem Junggesellinnenabschied nach Österreich. Und das andere Mal drei Monate später zu der dazugehörigen Hochzeit in Portugal. War das schön… Naja, und damals haben meine Ladies alles organisiert. Ich musste bloß erscheinen und hinter ihnen hertrödeln. Jetzt läuft der Hase anders.


Ich freue mich tierisch für mein großes Mädchen. (Als ich meiner Mutter am Telefon von unserem Vorhaben erzählte, sprach sie plötzlich von „das arme kleine Mädchen!“ So so.) Meine Freude ist real. Und dann meldet sich die Glucke in mir. Mein Baby ganz allein mit dem Flieger nach Athen? Oh weh. In den ganzen großen Ferien keine richtige gemeinsame Zeit? Menno.

Wer hätte auch nur geahnt, dass ich, ohne lange darüber nachzudenken, meiner großen E, mein OK für so eine Reise geben würde? Ich, die sie bis zur dritten Klasse in den Klassenraum begleitete. Und das sicherlich auch noch länger gemacht hätte, wären die mittlere und die kleine E nicht zu uns gestoßen. Meine Große hat bestimmt viel entbehren müssen, an Zeit mit Mama und allem anderen drumherum, doch war diese Zeit auch eine große Chance für sie. Ich wurde zwangs-entgluckt, wenn man das mal so nennen darf. Dadurch, dass zwei kleine Neugeborene, Säuglinge und mittlerweile Kleinkinder mitten in der Autonomiephase mich von meiner großen E abgezogen haben, hatte sie (endlich?) die Freiheit und die Luft, ohne ihre Gluckenmama hinauszugehen. Und wenn sie doch mal zögert oder einfach zurückkommt, bin ich da. Anders als vorher, aber immernoch da. Ich lerne dazu. Loslassen ist schwierig. Aber möglich, und vor allem notwendig. Meine Große darf noch nicht allein mit dem Fahrrad quer durch die Stadt zur Schule fahren. Aber allein nach Griechenland. Klingt fast etwas irrsinnig. Vielleicht bin ich das auch. Ich betrachte einfach jede Situation einzeln und für sich. Und ja, allein zu fliegen erscheint mir gerade sicherer als allein durch die Stadt zu flitzen.


Und dann gibt es da noch mein inneres Kind: Und was ist mit mir? Ich will mein Kind auch sehen! Es sind doch Ferien! Und was ist mit mir? mir? mir? Alles ist toll und spannend, nur ich nicht!? Und was ist mit mir?

Solche inneren Monologe sind echt nicht schön. Alles ist im Grunde ganz gut mit der Ratio zu bedienen. Immer erstmal tief durchatmen und weiter. Aber wenn das innere Kind ruft, wird es schwierig. Jedes Mal. In manchen Momenten kommt es gleich auf den Arm. In manchen Momenten kann und will ich es nicht umarmen und versuche lieber es wegzujagen. Dass das nicht funktioniert, weiß ich. Will ich dann aber eben auch manchmal gar nicht wissen. Dann stecke ich plötzlich drin, in der alten Haut, und bin erstmal ganz klein. Und bockig. So bocke ich gerade heimlich und still vor mich hin. Das muss sein. Da muss ich durch. Aber ich muss meinem Mädchen das ja nicht aufbürden. Das mache ich mit mir allein aus. Damit ich bald die Freude über das anstehende Vorhaben in Gänze genießen kann – mit der großen E.

Sie sagt „ätsch!“ zu ihrer Angst, wirft ihre Pläne über den Haufen, und ruft laut „Ja, man!“ Und genau das möchte (und werde!) ich auch!

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