Beziehung vs. Erziehung – ziehen vs. ziehen?

Heute wurde mir folgende Frage gestellt: „Wo ist da jetzt der Unterschied? Ist ja auch ‚Zug‘ drauf.“

Im ersten Moment könnte man meinen, dass der Einwand berechtigt ist. Wir lehnen den Begriff Erziehung ab, weil wir nicht ziehen und zerren wollen an unseren Kindern, sie nicht formen und verbiegen, nicht brechen. Wir nutzen hier zur Verdeutlichung den Wortteil ziehen. Beziehung enthält ebenfalls ein zieh und somit mutet der Ausspruch „Beziehung statt Erziehung“ unter diesem Aspekt irgendwie unlogisch an. Doch eben nur im ersten Moment.
Denn es geht nicht um Schreibweisen, sondern um Bedeutungen.

Das Wort Erziehung leitet sich ganz ursprünglich vom althochdeutschen irziohan ab, dessen Bedeutung herausziehen ist. Über Umwege und Anlehnungen an den lateinischen Begriff educare, landen wir letztlich bei dem, was der Begriff Erziehung meint, nämlich einen Menschen, dessen Geist und Charakter, zu bilden, zu formen.
Formulieren wir es um, können wir statt bilden und formen auch ziehen sagen. Und somit wären wir bei dem, was wir so oft sagen und meinen: wir lehnen Erziehung ab, weil wir an unseren Kindern nicht ziehen wollen.

Schauen wir uns den Begriff Beziehung an. Leiten wir spontan ein scheinbares Verb ab, so wie erziehen aus Erziehung, haben wir beziehen. Wenn ich mich auf etwas beziehe, bedeutet es, dass ich Kontakt herstelle, eine Verbindung. Ich kann mich auf etwas beziehen, aber nicht jemanden beziehen. Ich kann etwas beziehen, nämlich mein Bett oder andere Polstergeschichten oder ich beziehe beispielsweise Gelder, dann sind wir aber sinngemäß nicht bei Beziehung, sondern bei Bezug.
Beziehung ist demnach ein Synonym zu den Begriffen Kontakt und Verbindung. Wenn zwei Menschen in Kontakt sind, eine Verbindung haben, dann entsteht eine Wechselwirkung. Es ist ein zweiseitiges Verhältnis. Zwei Seiten. Und jede Seite kann geben und nehmen. Es gibt kein Gefälle. Ein bedeutungsvoller Unterschied zu Erziehung. Denn erzogen wird immer einseitig. Erziehung setzt Macht voraus. Und zwar Macht als Einbahnstraße. Genau hier liegt der Hase im Pfeffer.
Große Menschen (Erwachsene) mißbrauchen ihre Macht, um kleine Menschen (Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche) zu erziehen. Es geht um Willkür. Oft wird hier der Begriff Konsequenz benutzt, um willkürliche Strafen zu verstecken. Doch auch in anderen Farben angemalt bleibt eine Strafe ein Strafe und fühlt sich dementsprechend an.
Konsequenzen sind logische, natürliche Folgen auf Ereignisse.
Ich werfe einen Stein in die Scheibe. Konsequenz: die Scheibe ist kaputt.
Erziehende registrieren die Konsequenz, sehen sie aber nicht als solche an, sondern leiten aus der wahren Konsequenz eine Strafe ab und nennen diese dann Konsequenz. Gängig verpackt in „Wenn…, dann…“-Sätzen. Klingt wirr? Ist es auch. Ein großer Irrsinn, der allerdings leider allgemein anerkannt und toleriert wird.

Erziehung setzt ein Ungleichgewicht voraus, das konstruiert wird. Wenn ich sage, ich will mit meinen Kindern in Beziehung gehen, in Beziehung sein, dann will ich, dass wir auf Augenhöhe kommunizieren. Ich will meine Kinder als gleichwertige, selbstbestimmte, gleichwürdige Menschen behandeln, denn das sind sie, von Anfang an. Es ist meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sie auch von anderen so wahrgenommen werden, und nicht aufgrund ihrer körperlichen Unterlegenheit ungleich, ungerecht behandelt werden.

Ob jemand seine Macht mißbraucht, kann man im Prinzip ganz easy überprüfen. Ich finde folgende Fragen sehr hilfreich:

  • Würde ich das jetzt auch machen, wenn mein Kind genauso groß und stark wäre wie ich?
  • Würde ich in dieser Weise auf einen Erwachsenen reagieren?
  • Würde ich so mit meinem/r Partner_in sprechen?

Ein Nein als Antwort auf eine dieser Fragen zeigt dann sehr deutlich, dass von oben herab gehandelt wird/ wurde. Jede erzieherische Handlung geht zu Lasten der Beziehung. Nächste Frage: Will ich das? Nein.

Gehorsam, brav, folgsam. So ist man nicht, so wird man gemacht. Durch Zwang, Gewalt, Strafe. Das klingt übertrieben? Ist es nicht. Es sind große Worte, die, wenn sie Anwendung finden, großen Schaden anrichten. Und das tun sie, auch wenn man es nicht direkt sieht. Fragen wir die, die als Kinder solches erfuhren. Und dann gehen wir in uns und fragen, ob wir das für unsere Kinder möchten. Ziehen und Formen. Wir brauchen das nicht.

Wir brauchen Menschen, die bewusst sind, kompetent aus sich selbst heraus und mit der Freiheit, die unsere heutige Welt bietet, umgehen und in dieser selbstbestimmte Entscheidungen treffen können.

Auch ich will diese Freiheit nutzen. Ich kann und will dies unterstützen, indem ich auf Erziehung verzichte. Ich verzichte auf Erziehung und stärke so die Beziehungen, die ich habe. Denn diese sind ein Geschenk, das ich gern annehmen, hegen und pflegen möchte. Wir halten uns an der Hand, solange wir beide es wollen.

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Dankeschön!

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