Händigkeit – Diagnostik und Sinnhaftigkeit

Ich bin Linkshänderin. Meine Eltern haben nie daran herum gedoktert. 1986 wurde ich eingeschult, und auch dort ließ man mich diesbezüglich in Ruhe. Ich bekam einen Linkshändig-Füller und fertig.
Damals gab es diesen ganzen Schnickschnack noch nicht. (Ich persönlich finde, dass diese ganzen speziellen Gebrauchsgegenstände für Linkshändige nicht alltagstauglich sind, da sie eher zum persönlichen, nicht aber zum allgemeinen Standard gehören. Wenn ich als Linkshänderin auf diese Dinge angewiesen bin, soll ich dann immer mein Köfferchen bei mir tragen, wenn ich zur Schule, Uni oder Arbeit gehe? Was hätte ich dann mein Spielen bei anderen, rechtshändigen Kindern, gemacht? Beim Basteln zugeguckt? Ich finde es ok, wenn wir alle rechtshändige Gegenstände benutzen. Bloß sollten Linkshändige dann entsprechende Tipps an die Hand bekommen.) Ich lernte, wie alle anderen auch, mit einer Schere zu schneiden oder Buntstifte anzuspitzen: mit rechts. Wie das funktionieren sollte, mußte ich aber allein herausfinden. Denn, dass der Winkel der Schneideblätter einer Schere nicht mehr greift, wenn ich die „normale“ Schere in der linken Hand halte, oder dass Bleistifte permanent abbrechen, wenn ich den Stift links, den Anspitzer rechts halte, hatte mir niemand verraten. Ich dachte, es sei egal, was in welcher Hand läge. Aber die besagten Winkel stimmen einfach nicht. Nun schneide ich also mit rechts, obwohl ich durch und durch linkshändig bin.

Worüber ich aber eigentlich erzählen will, ist, wie wichtig das Thema Händigkeit doch ist. Mir war das nie wirklich klar. Bis es Thema bei meiner ersten Tochter wurde.

Ich war die ersten sechs Jahre mit ihr alleinerziehend. Da ich links bin, wollte ich nichts forcieren und sie beeinflussen, und ließ den Dingen ihren Lauf. So dachte ich. Da ich nunmal omnipräsent und ihre „wichtigste“ Bezugsperson war, machte ich mir keinerlei Gedanken über dieses.

Als sie drei Jahre alt war, kam sie in den Kindergarten. Alles ganz Mainstream. Ich war Vollzeit erwerbstätig, sie relativ lange am Tag in Fremdbetreuung.

Mit sechs Jahren wurde sie dann eingeschult. Immer noch alles unauffällig. Das blieb es auch. Bis ich mit ihr zur Begabungsdiagnostik ging. Die Psychologin, von der sie getestet wurde, merkte an, dass eine Händigkeitstestung sinnvoll wäre, da sie vermutete, dass mein Mädchen wohl linkshändig sei, obwohl sie bis dato alles mit rechts erledigte.

Händigkeit. Das war mir neu. Klar, links- und rechtshändig, das kannte ich. Aber eben nur in dieser oberflächlichen Begrifflichkeit. Dass es Menschen gibt, die sich professionell mit Händigkeitstestung beschäftigen, fand ich spannend.

So machten wir einen Termin aus und fuhren hin.

Mein Mädchen erfuhr natürlich im Voraus nicht, weswegen wir dort waren. Zu leicht hätte sie die Tests beeinflussen können. Ich durfte bei der Testung anwesend sein. Musste mich aber quasi auf stumm schalten.

Diese Tests waren so simpel, wie beeindruckend.

Um kurze Beispiele zu nennen:

° Wenn man eine Flasche aufdrehen soll, gibt es eine aktive und eine passive Hand.

Bei mir sieht es so aus, dass ich, halte ich die Flasche links, und den Deckel rechts, mit der linken Hand die ganze Flasche drehe, während ich mit rechts den Deckel passiv fixiere. Tausche ich die Seiten, dreht meine linke Hand aktiv den Deckel ab, während die rechts Hand die Flasche fixiert.

° Es sollen Perlen in eine Flasche gefüllt werden. Intuitiv beginnt man mit der vermeintlich stärkeren Hand. Je fummliger es aber wird, desto mehr wechselt der Einsatz der Hände. Die wirklich dominante Hand wird den richtig fummligen Part erledigen.

Ich sollte zur Testung alte Bilder aus der Kindergartenzeit, gern auch noch früher, mitbringen. Dort waren typische Platzierungen zu erkennen.

Sie musste auf einem Bein stehen, durch den Raum hüpfen, Perlen mit der Hand sortieren, mit der Pinzette, Kreisel drehen, Besteck aufnehmen, das extra mittig gelegt wurde, usw.

Der Test fiel eindeutig aus: meine Tochter ist eine Linkshänderin.

Aber wie konnte das sein? Wieso machte sie dann alles mit rechts? Zumindest die prägnanten Dinge wie Schreiben und Malen. Auch diese Erklärung überraschte mich: Nachahmung. Ja, aber… Nein, nein, nicht mich, sondern all die Kinder, mit denen sie ihre langen Tage im Kindergarten verbrachte, waren ihre Vorbilder. Wenn doch von 20 Kindern, 19 den Stift rechts hielten, dann konnte es wohl nicht richtig sein, dass sie es anders machte. Also schulte sie sich selbst um. Ganz einfach. Anpassung.

Nun wurde uns empfohlen, sie zurückschulen zu lassen, von rechts auf links. Wir bekamen Literaturtips und fuhren nach Hause. Es dauerte ein bißchen, ehe sie verstanden hatte, was das bedeutete.

An der VHS fand ich einen Kurs, der Kinder bei der Rückschulung unterstützte. Doch dieses Thema in einen Stundenplan zu packen, missfiel mir. So kaufte ich mir ein Buch von Johanna Sattler [klick hier!] und wir starteten die Rückschulung zu Hause. Das waren dann tägliche sogenannte Schwungübungen. Doch nicht die aus den Arbeitsheften, die es zu kaufen gibt, sondern freie Übungen. Sie malte mit Blockwachsmalern (diese Form hat eine besondere Bedeutung, weil nichts vorgeformt ist) kreisförmige Figuren auf ein leeres DIN A3-Blatt. Hierdurch sollte die entsprechende Region im Gehirn angeregt werden. Es war völlig verrückt, aber es funktionierte umgehend. sie fand den ersten Versuch so witzig, dass sie eine halbe Stunde lang einfach mit links malte. Sie war mega entspannt. Nicht falsch verstehen. Sie war auch vorher überhaupt nicht „auffällig“, aber plötzlich war es, als hätte sich ein Knoten gelöst und sie würde plötzlich frei und gelöst sein.

Es war Anfang März als der Test gemacht wurde. Die Rückschulung würde ungefähr ein halbes bis Dreiviertel Jahr dauern – laut Literatur. für diesen Zeitraum kann man sogar offiziell über die Schule einen Nachteilsausgleich beantragen. Das Kind bekommt dann beispielsweise für Klassenarbeiten mehr Zeit zugesprochen. Kann man machen, muss man aber nicht. wir ließen es bleiben. Auch die Rückschulung ließen wir schleifen. Es schlich sich „Ich hab’ keine Lust darauf!“ ein. Zwingen wollte ich sie nicht. Und plötzlich waren Sommerferien. Tja nun… Im neuen Schuljahr fingen „wir“ dann wieder neu an. Wir ließen sie nur die Schwungübungen machen. Jeden Morgen vor der Schule für zehn Minuten. Den Rest überließen wir dann ihr. Zum Beispiel wann sie in der Schule wieviel mit links schreiben wollte. Das war eine gute Entscheidung. Irgendwann, ich kann gar nicht sagen, wann genau, schrieb sie dann plötzlich nur noch mit links.

Während der ersten anderthalb Schuljahre hatte sie mit rechts eine sehr schöne Handschrift entwickelt. als die Rückschulung lief, hatte sie Angst, dass sie mit links nur noch krakelig würde schreiben können. diese Angst war unberechtigt, wie sich zeigte. Was sich aber dramatisch änderte, war ihr Schreibverhalten bezüglich des Drucks den sie mit dem Stift auf das Papier ausübte. vorher, mit rechts, war radieren eigentlich zwecklos, weil die Buchstaben quasi ins Papier geritzt waren. Mit links hatte sie nicht mehr das Gefühl aufdrücken zu müssen.

Geblieben ist die Fähigkeit mit einen Händen schreiben zu können. Viele Dinge macht sie aber noch mit rechts, z.B. werfen. Wenn ich dran denke und mich traue, fordere ich sie auf, doch mal die andere Hand zu nehmen. Oft ist sie davon genervt, deshalb muss ich immer gut abwägen, wann mein Spruch hilfreich sein könnte. Ich beobachte, dass beim Wechsel zu links, die Ergebnisse oft besser sind. Beim Werfen trifft sie besser und ihre Körperhaltung sieht kontrollierter aus.

Ich bin froh, dass wir damals die Testung haben machen lassen. Mir wäre es nie im Leben aufgefallen. Vor allem, da ich ja meinte, sie hätte natürlicherweise ihre rechte Hand zum Schreiben genommen. Tatsächlich aber war es ja nun (unter)bewusst von ihr ausgewählt. Ich denke, es hat ihr irgendetwas zurückgegeben, das sie auch benötigt. Die Schaltkreise im Gehirn wurden wieder optimiert.

Unsere Zwillinge stehen daher unter besonderem Augenmerk. Uns ist bereits aufgefallen, dass eine von ihnen links, die andere rechts ausgelegt ist. Die Prägung durch Kindergarten entfällt ja nun bei uns. Und zu Hause sind wir zwei Linkshänderinnen und ein Rechtshänder. Beides ist also präsent. Auch wenn die beiden zusammensitzen und malen, macht jede ihr Ding. Sie ahmen sich in diesem Bezug nicht nach. In der Gruppe der eineiigen Zwillinge weisen, laut Lehrbuch, in etwa 25% eine unterschiedliche Händigkeit auf. (Die Ursache zu erläutern, würde den Rahmen meines kleinen Blogs sprengen.)

Durch die Erfahrung mit meiner großen Tochter wurde mir die Wichtigkeit dieses Themas erst bewusst. Dass solch scheinbare Kleinigkeiten eine so große Bedeutung haben können, finde ich faszinierend. Es lohnt sich also, wie immer, die Augen offen zu halten, für all die winzig kleinen Wunder… Man weiß nie, was ihnen folgt.

Infos für Linkshändige [klick hier!]

Buch „Der umgeschulte Linkshänder oder Knoten im Gehirn“ von Dr. Johanna Barbara Sattler [klick hier!]

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2 Gedanken zu “Händigkeit – Diagnostik und Sinnhaftigkeit

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