(Langzeit)Stillen

Eines der vielen kontrovers diskutierten Themen. Ich verstehe bloß nicht, warum es so polarisiert. Stillen ist das Beste… Jaja, alles schon Skillarden Mal gehört. Hier folgt keine Lobeshymne. Die offizielle Empfehlung der WHO sieht 6 Monate ausschließliches Stillen vor, weiteres (die feste Nahrungsaufnahme begleitendes) Stillen bis zum zweiten Geburtstag…und darüber hinaus.
Sicherlich wird nach zwei Jahren hierzulande kein Kind mehr voll gestillt. Aber es gibt zum Glück noch Mütter, die diese Marke anpeilen, erreichen und sogar überschreiten. Das Stillen an sich wird offensichtlich von den meisten Leuten nur als Nahrungsquelle gesehen. Dass es aber weit darüber hinaus geht und gestillte Kleinkinder nichts Verwerfliches, sondern etwas Wunderbares sind, wird irgendwie oft anders dargestellt.

Meine Kinder werden im April 2017 drei Jahre alt. Noch immer Stillen wir. Ich höre die vorwurfsvollen oder besorgten Einwürfe: „Aber mittlerweile brauchen sie das doch gar nicht mehr!“ … „Was ist mir dir?“ … und so weiter. Was soll ich dazu sagen? Muß ich dazu eigentlich etwas sagen? Jegliche Antwort auf irgendeine dieser oberflächlich hingeworfenen Fragen wäre im Grunde eine Rechtfertigung. Doch rechtfertigen muß ich mich dafür nun wirklich nicht. Wir stillen, weil meine Damen es in manch einer Situation wohl eben brauchen. Und ich tue es bereitwillig, weil ich um die Vorteile dessen froh bin. Meine Kinder sind in keiner Weise mehr abhängig von meiner Brust. Das ist gut und richtig. Und trotzdem bedeutet es ja nicht, dass sie die Vorzüge nicht trotzdem noch genießen dürfen. Nähe tanken. In den stürmischen Toddler-Zeiten unbedingt von Nöten. Denn wenn eine der beiden zu mir kommt um zu stillen, komme ich nicht umhin, das, was ich gerade mache, zu unterbrechen und mich ihr aufmerksam zuzuwenden. Viele finden das vielleicht nervig oder überflüssig oder irgendwas anderes. Ich finde es extrem clever. So kommen wir nicht in die Situation des akuten Nähe-Mangels.

Die scheinbaren Nachteile des Langzeit-Stillens sind aus meiner Sicht wirklich kaum erwähnenswert, werden es hier aber doch:

Die Zähne! – Ja, bitte? – Toddler haben doch schon ihr komplettes Milchgebiss. – Warum heißen die denn wohl Milchzähne? – Hm… Stillen, und vor allem nächtliches Stillen verursacht keine Karies. Wenn Kinderzähne Karies entwickeln, geschieht das nicht wegen, sondern trotz des Stillens. Muttermilch enthält unter anderem Laktoferrin, IgA und IgG, die  gegen Streptokokkus mutans aktiv sind. Diese Streptokokken wohnen in nahezu jedem menschlichen Speichel und sind die Hauptgastgeber der Karies-Veranstaltung. Zudem enthält die Muttermilch Laktose. Dies ist ein Zweifachzucker, der aber den Bakterien im Mundraum nicht viel hilft, da er erst im Darm verwertet werden kann. Die bösen Bakterien im Mund benötigen Einfachzucker, wie Trauben- und Fruchtzucker. Es ist also vornehmlich eine Frage der kompletten Ernährungspraxis und Zahnhygiene, ob Karies zuschlägt oder nicht. Leider werden auch immer wieder Langzeitstillen und Flasche geben miteinander vermengt. Wenn Kinder zum Einschlafen am Abend noch eine Flasche mit gesüßtem Tee oder gar Saft mit ins Bett bekommen, hat das weitreichende Folgen. Ist aber keinesfalls mit Einschlafstellen vergleichbar. Neben diese Fakten sind sogar noch die Vorteile der hervorragend durchtrainierten Mundmuskulatur der Stillkinder zu erwähnen. Hierdurch wird nicht nur die Sprachentwicklung  positiv beeinflusst, sondern die komplette Einrichtung bzw. Stellung aller Partien des Mundraumes. Stillkinder haben einen verbesserten Lippenschluss, was zur Folge hat, dass ihr stets gut geschlossener Mund weniger austrocknet. Böse Bakterien mögen es aber lieber trocken. Und so ist in aller Kürze den Skeptikern der objektive Argumente-Wind aus den Segeln genommen.

Es ist ja auch immer im Verhältnis zum konkreten Alter des Kindes zu betrachten. Ein einjähriges Kind braucht die Muttermilch auch tatsächlich noch und wer nicht abpumpen möchte, ist dann sicherlich auf eine gewisse Art unentbehrlich. Lange Abwesenheit vom Kind ist da keine Option. Mal übers Wochenende mit Freundinnen verreisen, abends lange auf Tour gehen oder Ähnliches. Ein gestilltes dreijähriges Kind hingegen stillt mit Mamas Brust weniger den Nahrungsdurst als das Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit, Sicherheit, Schutz. Da das eine andere Liga ist, könnte man durchaus mal für Stunden oder länger außerhäusig sein. Ich habe meinen Weg mit Bedacht gewählt und empfinde diese Abhängigkeit, wie viele es nennen, nicht als solche. Für mich ist es Verbundenheit. Natürlich bin auch ich mal genervt. Wenn ich mich z.B. am Abend aus der Tandem-Umarmung schäle und mal ungestört etwas für mich machen möchte, aber es keine berechenbaren Anhaltspunkte für mich gibt und ich quasi in Bereitschaft am Schreibtisch sitze und mal nach nur zehn Minuten, mal erst nach zwei Stunden, unterbrochen werde. Dann lasse ich alles stehen und liegen und eile zurück ins Familienbett. Der erste Impuls ist Genervtsein. Der zweite ist innere Zufriedenheit.

Gestern Abend hatte ich meine Mädels gerade eine halbe Stunde zuvor in den Schlaf gestillt, da wurde ein der beiden wach, setzte sich auf, schrie und weinte, war aber nicht richtig wach. Nachtschreck, dachte ich. Nach knapp zehn Minuten sank sie auf mir nieder, dockte an und schlief wieder ein. Doch wenige Augenblicke danach bäumte sie sich wieder auf und übergab sich in hohem Bogen auf mich. (Großartig!) Ich hatte irgendetwas geahnt und vorher ein Laken ausgebreitet. Das Bett mußte ich also nicht neu beziehen. Aber Kind und Mutter komplett umziehen. Keine halbe Stunde später dann Durchgang Nummer Zwei. Nachdem sie dann schon wieder anderthalb Stunden schlief, machte ihre Schwester es ihr nach. Ebenfalls zwei Durchgänge. Auf dem Weg von der Waschmaschine ins Bett, sprach ich kurz mit meinem Mann. Ja, ich war im ersten Moment genervt gewesen, denn ich hatte Pläne (unaufregend, am Schreibtisch wollte ich sitzen) gehabt für diesen Abend. Doch als ich dann sah, wie schlecht es den Kleinen geht, war ich einfach nur froh darüber, dass ich da war. Ich hielt sie im Arm, während sie sich übergaben. Ich hielt ihre Haare aus dem Gesicht und ließ sie in meinem Arm wieder einschlafen. Zum ersten Mal mußten sie das ohne Mimi machen, denn wir hatten Angst um ihre Bäuche. Aber als sie sich dann nachts nach mehreren Stunden wieder regten und stillten, wusste ich, dass es ihnen wieder besser ging. Essen wollten sie heute über Tag noch nicht wirklich. Dafür gab es eben mehr Mimi. Ohne Komplikationen und große Umstände. Gut verträglich und ohne viel Abwägen. Naja, und dies natürlich gekoppelt mit der extra Portion LiebeLiebeLiebe.

Stillen von Kleinkindern ist wirklich schön. Und es erdet mich in den richtigen Momenten. Denn es ist ist eindringlicher als ein bloßer Ruf nach mir. Ich bin gezwungen aufmerksam zu sein und ein Break zu machen. Am Tollsten ist es dann, wenn es am unpassendsten erscheint. Dann schnappe ich mir mein Kind, lasse mich nieder und gerade als ich denke „Man, muss das JETZT sein!?“ ertönt schon das „Ja, nämlich genau jetzt!“ Wenn ich beispielsweise nicht gut drauf bin und etwas (körperlichen) Abstand brauche und für mich sein will. In solch einem Moment passt es nicht in mein Konzept des Augenblickes. Und genau dann fordern sie es ein und -siehe da- holen mich wieder runter. Raus aus meinem Kopfkino, rein in die gar nicht doofe Realität. Und ich bin jedes mal dankbar dafür, dass sie mich „gestört“ (in Wirklichkeit entstört) haben.

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Meine große Tochter habe ich ebenfalls über Jahre gestillt, fast vier Jahre, bis wir dann in einem Gespräch feststellten, dass es von nun an auch ohne gehen würde. Und so war es dann auch. Doch in einer damals auf mehreren Ebenen schwierigen Zeit, war uns das Stillen eine Insel. Die letzte Nische, die uns allein vorbehalten war. In die wir uns verkriechen konnten, wenn uns die Welt zu viel war. Damals dachte ich, ich würde zum dritten Geburtstag abstillen. Eben dann, wenn ich meine volle Ausbildungs-Stelle im Schichtdienst wieder aufnehmen und sie in den Kindergarten gehen würde.

Als es dann soweit war, wurde mir klar, wie absurd die Idee gewesen war. Denn mein Kind in diese neue Umgebung zu geben, von Vollzeit-mit-Mama, zu Vollzeit-Kindergarten plus Tagesmutter, war an sich schon ein großer Schritt. Mein Mädchen machte das großartig, keine Frage. Doch in diesem mega Wechsel dann auch noch die letzte Konstante zu streichen, erschien mir plötzlich völlig irre. Und so verwarf ich den Gedanken alsbald wieder und genoss die wenigen, innigen Momente, die uns blieben, wenn ich keinen Spätdienst hatte und sie selbst ins Bett bringen konnte. Das abendliche Einschlafstillen war zu unserer rettenden Insel geworden.

Bei unseren Zwillingen wird es diesen (durch Erwerbstätigkeit bedingten) Cut nicht geben. Denn wir haben mittlerweile nahezu endgültig beschlossen, dass unsere Kinder nicht in den Kindergarten gehen, sondern weiterhin bei uns zu Hause bleiben werden. Diesen Luxus, die Wahl zu haben, genoss ich damals nicht. Andere Zeiten, andere Voraussetzungen. Kindergartenfrei ist eine ganz neue Etappe, auf die ich mich sehr freue. Und somit bleiben wir so frei und stillen weiterhin, wie es uns gefällt. Momentan tun wir dies zum Einschlafen, nachts, zum Aufwachen, kreuz und quer durch den Tag…wenn sich die Müdigkeit oder auch mal die Langeweile einschleicht oder etwas weh tut, etwas doof ist oder die Welt zu groß…dann heißt es: „Mama! Mimi!“ Eine zeitlich definierte Grenze habe ich bezüglich der verblebenden Stillzeit nicht im Sinn. Irgendwann wird es soweit sein. Und bis dahin genießen wir es einfach.

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