Zeugnistag

Der letzte Freitag im Januar, Zeugnistag. Heute haben wieder einmal alle Schüler_innen früher Feierabend und müssen/ dürfen/ können/ sollen mit ihren Schulzeugnissen nach Hause tapern. Die einen mehr, die anderen weniger erfreut.

Meine älteste Tochter besucht die sechste Klasse eines altsprachlichen Gymnasiums. Das haben wir damals, in umfangreicher Feinarbeit, gemeinsam ausgesucht. Sie wollte eine Schule mit Sprachen, ich wollte eine Schule, an der nicht (nur) die Leistung, sondern der Mensch im Vordergrund steht. Mein Kind als Person, aber genauso ich als Mutter dieses Kindes. Die Grundschulzeit hatte uns sehr zugesetzt. Mit einer Klassenlehrerin, die gerade einmal dreißig Jahre alt war, von der man aus Erzählungen aber hätte meinen können, sie sei noch vor dem ersten Weltkrieg geboren. Anschreien, Gruppenstrafen, Einzelstrafen usw. waren an der Tagesordnung. Schwarze Pädagogik den ganzen Vormittag. Erstes Halbjahr, erste Klasse: “Ich werde ihre Kinder fit fürs Gymnasium machen.“ Achso. Aber, sie kommen doch gerade aus dem Kindergarten, dürfen sie vielleicht erst einmal in der Schulwelt ankommen, Fuß fassen und solange wie möglich dem Leistungsdruck entkommen? Nein. Nagut. Immerhin habe ich gefragt.

Ja, ich überlegte mein Mädchen dort herauszuholen. Doch der mir wichtigste Aspekt, hielt mich davon ab: sie hatte Freund_innen in der Klassengemeinschaft. Und sogar eine sehr gute Freundin, die vom ersten Tag an neben ihr saß, mit der sie sich auch privat traf und gemeinsam in den Hort ging. Das konnte ich ihr nicht nehmen. So etwas war schwer zu finden. Und auch wenn es schulisch vielleicht besser lief an einer anderen Schule, so blieb die Gefahr, dass sie auf dem sozialen Ast keinen Platz finden würde. In eine bestehende Klassengemeinschaft kommen und keine Seele dort zu kennen? So entschieden wir uns, das wohl oder übel durchzuziehen. Mit ihrer Freundin an ihrer Seite.

Mir persönlich waren die Noten meiner Tochter immer relativ schnuppe, solange sie selbst zufrieden war. Ich erklärte ihr, dass sie mein Mädchen sei, ganz gleich, was auf dem Papier stünde, ob ein sehr gut oder ein ungenügend. Aber dass diese Noten hierzulande eben wichtig seien, wenn man bestimmte Ziele hätte, denn für ungefähr jeden Pups muß man einen Schein vorweisen können. Ich würde sagen, dass Schulnoten nichts über Leistungsfähigkeit, Können, Intelligenz aussagen, aber oft die nicht mehr vorhandene Motivation aufzeigen. Früher habe ich darüber wenig nachgedacht. Das war eben so. Kinder gehen in den Kindergarten und im Anschluss in die Schule. Fertig. Als mein gedanklicher Umbruch in Bezug auf die Schulpflicht stattfand, war mein Kind schon zu tief im Bildungssumpf, als dass ich sie dort reinen Gewissens wieder hätte herausholen können. Die Grundschulzeit war für den Eimer, ganz klar, ohne Wenn und Aber. Doch auf der weiterführenden Schule läuft es gut. Sie ist zufrieden, wir Eltern sind zufrieden.  Natürlich besteht auch dort, und vielleicht sogar mehr als an anderen Schularten, der Anspruch nach guter Leistung, guten Noten. Doch man kann mit den Leuten dort sprechen. In anderthalb Jahren hatte ich allerdings noch keinen Bedarf. Was ich ebenfalls als gutes Zeichen deute.

Zu Beginn der sechsten Klasse schrieb meine Tochter eine sechs im Latein-Vokabeltest. Sehr defensiv stand sie vor mir, als sie mir das mitteilte. Ich glaube, meine Reaktion lautete in etwa „Oha!“. Sie war besorgt. Ob ich denn nicht schimpfen würde oder sauer sei. Meine Antwort: „ Eine Sechs an sich ist doch schon fies genug. Wozu soll ich dir denn einen auf den Deckel geben? Nö!“ Sie traute dem Braten nicht und fragte nochmal nach, schien dann aber verstanden zu haben, dass es mein Ernst war. Dann schwirrten in den nächsten Tagen Ideen umher…täglich Vokabeln lernen usw. Ja, wir erlagen kurzzeitig dieser wahnwitzigen Idee, ließen es dann aber wieder bleiben. Wir wollten ihr helfen, denn die schlechte Note wurmte sie. Bisher hatte sie selten mal eine Drei, (fast?) nie etwas Schlechteres. Aber mit Auflagen und Zwang gewinnt man bei uns keinen Blumenpott. Ich vermute, dass sie mit Eltern dieser Art relativ allein auf weiter Flur steht, in ihrer Klasse, vermutlich sogar ihrer ganzen Schule. Doch wir fühlen uns gut damit. Anderen gegenüber halten wir uns bedeckt, nicken manches ab und denken uns unseren Teil.

Ich will, dass sie Spaß an der Schule hat. Dass sie für sich das Beste herausziehen kann, was dieses Bildungssystem zu bieten hat. Wenn sie mit einer Drei oder Vier nach Hause kommt, frage ich sie, woran es lag. Flüchtigkeit, nicht hingehört, nicht gelernt, noch nie von gehört oder nicht verstanden. Allen erstgenannten Gründen gehe ich nicht nach. Solange sie die Dinge versteht, um die es geht, lasse ich sie selbst herausfinden, wie sie am Besten durchs System kommen kann. (In Mathe fühle ich mich immer irgendwie persönlich betroffen, denn das war stets mein Lieblingsfach und ich liebe Zahlen noch immer, und finde sie wichtig. Alles ist Mathematik.) Das weiß sie und bremst mich immer direkt aus. Wichtig für mich ist, dass sie weiß, dass sie kommen und fragen kann. Immer. Das gilt natürlich für alles, alles, alles in ihrem Leben. Aber Schule ist extra, und sie soll wissen, dass wir ihre Verbündeten sind. Was nicht bedeutet, dass ich ihr die Arbeit abnehme. Ich setze mich hin und stelle dann doofe Fragen bis bei ihr der Groschen von allein fällt. Das finde ich sinnvoller als auf die Schnelle die Lösung vorzugeben.

Ich möchte, dass sie von sich aus Begeisterung empfindet, sich von dort aus regt und aktiv wird, Wissen erlangen will, anstatt sich dagegen wehren zu müssen, dass ihr jemand Wissen „rein tun“ will. Wenn sie also von der Schule gute Noten bekommt, ist das schön. Wenn sie schlechte Noten bekommt, ist das ok. Meine Aufgabe als Mutter sehe ich darin, mit ihr gemeinsam zu gucken, wo es  hakt oder auch nicht hakt, wo sie welche Unterstützung braucht und will oder auch nicht, wo sie Spaß hat und wie sie diesen auskosten kann. Ich lobe sie nicht für gute Noten. Genauso wenig bestrafe ich sie für schlechte. Wenn sie eine sechs schreibt, gibt es keine als Konsequenz getarnte Strafe in Form von Verboten oder Ähnlichem. Wenn sie eine sechs schreibt, ist die Konsequenz, dass diese Note in den Unterlagen ihrer Lehrkraft steht und für die (Halb-)Jahresnote berücksichtigt wird.  Wenn sie möchte, dass wir ihre Hausaufgaben angucken, ihre Hefte ansehen, sie Vokabeln oder Anderes abfragen, dann machen wir das gern. Ich frage sie jeden Tag, was ansteht und am Abend, ob noch etwas offen ist. Als Reminder. Denn sie hat schließlich auch noch andere Sachen, für die sie Zeit braucht. Der Freundeskreis, ihre Hobbys und auch Langeweile sollen nicht zu kurz kommen. Da kann schonmal etwas untergehen.

Wir vertrauen ihr. Ich denke, dass das eine gute Basis für sie ist. Sie trägt die Verantwortung für ihre Schulsachen. Sie muß allein ihre Sachen packen und ihre Aufgaben erledigen. Genauso muß sie morgens pünktlich am Bus stehen. Wenn sie trödelt und zu spät zur Schule kommt, wird sich zeigen, wie ihr das gefällt und wie sie weiterhin damit umgehen will. Vergisst sie ihre Sachen, muss sie sich überlegen, wie es so läuft, dass es funktioniert. Und bisher…läuft alles prima. Von unzähligen „Du solltest…“ oder „Du mußt…“ wird sie nicht verstehen, wie es geht. Genauso wenig wie man Kleinkindern das Laufen erklären kann, kann man größeren Kindern das Leben erklären. Sie müssen es einfach selbst erfahren.

Wir nutzen die Orientierungsstufe auch als solche. Sich orientieren und ausprobieren. Wen interessiert es, welche Noten da jetzt stehen?

Ich habe keine Ahnung, was auf dem Zettel steht, den sie heute Mittag mit nach Hause bringen wird. Es ist auch unerheblich. Denn in jedem Fall kommt heute ihre Freundin zu Besuch und bleibt übers Wochenende. Wir werden Kuchen backen, am Abend einen Film glotzen und mal gucken, worauf wir noch so Bock haben werden.

Meine Frage an sie wird lauten: „Bist du zufrieden?“ Und wenn das der Fall ist, bin ich es auch. So funktioniert es hier bei uns. Mein Wunsch ist es, dass wir alle glücklich sind. Jede_r für sich und alle gemeinsam. Und solange das so ist, machen wir einfach damit weiter.

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Dankeschön!

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