Unerzogen? – (uner)hört!

Mit den Zwillingen kamen neue Perspektiven. Meine Grundlinie habe ich nicht verlassen. Eher noch vertieft. Meine damals noch namenlose Begleitung, die ich meiner Tochter angedeihen ließ, bekam plötzlich einen Namen: Attachment Parenting (AP). Ich nannte es zu Beginn meiner Mutterschaft (vor fast 12 Jahren) einfach bei dem, was es jeweils war:

  • Ich trug mein Kind im Tragetuch.
  • Ich stillte mein Kind nach Bedarf.
  • Wir schliefen gemeinsam in einem Bett.
  • Ich sah sie als echten, ganzen Menschen mit eigenen Bedürfnissen.

Nicht nur der Tragetuchmarkt hatte sich in den Jahren erheblich verändert, auch die Elternkultur. Ich war irgendwie überrascht als ich sah, was sich im Internet getan hatte, und was das Internet für uns tut. Es bietet uns eine schier endlose Palette an Foren und Austauschmöglichkeiten. Ich muß mich nicht mehr mit den Eltern begnügen, die real in meiner Nähe sind, sondern kann mich mit anderen rund um den Globus austauschen. Ich kann online ganze Bücher lesen oder mir jedes erdenkliche Werk nach Hause liefern lassen. Für ungefähr jedes Thema, das man sich denken kann, gibt es mittlerweile Internetforen. In manchen Situationen muss es niemand sein, der mir real gegenübersitzt. Da reicht der reine Gedankenaustausch via WWW vollkommen aus, um sich verstanden zu fühlen. Einerseits finde ich das prima, denn plötzlich ist man gar nicht mehr so allein, wenn man feststellt, daß man Wege beschreitet, die nicht schon als Trampelpfad abgelatscht wurden, und es dennoch andere gibt, die den gleichen Weg gehen. Andererseits finde ich es bedenklich, wenn man an den ganzen Schrott denkt, der da verbreitet und als Wahrheit verkauft wird.

Mich hat der Austausch oder auch einfach das stille Mitlesen sehr bestärkt. Man taucht immer weiter ein, in diese tollen neuen Gedanken, die man eigentlich schon früher hatte, aber sich nicht getraut hat, sie weiterzudenken. Gedanklich war ich immer noch bei AP, ehe ich begriff, dass ich schon mitten im unerzogen stecke. Auch dieser Begriff als solcher war mir keiner, ehe ich schriftlich darauf gestoßen wurde. Ich kam zu mir und war nicht allein, sondern umringt von Gleichgesinnten. Keine Notwendigkeit mehr sich zurückzunehmen, zu verstecken oder zu verstellen.

Endlich Verständnis für Gedanken, die durch meinen Kopf schießen.

Verständnis dafür, dass meine Kinder im Winter in kurzem Kleid, Puschen und Mütze im Supermarkt stehen, anstatt eingepackt bis über beide Ohren. Weil sie es sich so aussuchen.                                                                                                                                     Verständnis dafür, dass ich vor dem Bäckertresen neben meinem Kind im Schneidersitz auf dem Boden sitze, seine Hand halte und warte bis es bereit ist, weiter mit mir einzukaufen.                                                                                                                                 Verständnis dafür, dass ich nicht einschreite und „korrigiere“, wenn meine Kinder nicht mit anderen teilen wollen.                                                                                                       Verständnis dafür, dass eine Wutwelle losgetreten wird, weil ich meiner zweijährigen Tochter einfach ungefragt Selter ins Glas einschenke.                                                  Verständnis dafür, dass ich nicht zum Kaffee trinken komme, weil meine Kinder zu Hause bleiben wollen.                                                                                                                            Verständnis dafür, dass ich eine Dreiviertel Stunde auf dem Supermarkt Parkplatz herumstehe, weil die Kinder sich nicht im Auto anschnallen lassen wollen.                            Verständnis für solche Situationen und noch viele andere mehr.

 


Erziehung ist, wie so viele andere Sachen in unserer zivilisierten Welt, etwas künstlich erschaffenes. Irgendwann fingen irgendwelche Leute damit an. Schon der Begriff Erziehung klingt in meinen Ohren nicht nett. Ich will nicht ziehen. Und schon gar nicht an meinen Kindern. Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn ich dran ziehe. Warum also an kleinen Menschen ziehen wollen? Pflanzen wachsen der Sonne entgegen. Und ich stelle mir vor, dass Kinder der Liebe entgegen wachsen. Sie suchen sich ihren eigenen Weg. Dort, wo Liebe ist, gehen sie hin. In ihrem Tempo, auf ihre Art und Weise. Ich muß nichts tun. Sie nicht formen. Einfach nur da sein. Sie hegen und pflegen. Sie versorgen und beschützen. Damit sie sich entfalten können. Und wachsen. Ich schaffe die Sicherheit, die es ihnen erlaubt, einfach sie sein zu dürfen. Egal, was andere Leute sagen. Egal, ob denen Farbe und Form gefallen, ob sie denen zu langsam oder zu schnell sind. Und wer vorbeikommt und an ihnen ziehen will, der muß damit rechnen, dass er selbst ganz schnell wieder Leine ziehen darf. Meine Kinder sind mir das Wertvollste in dieser Welt. Und zwar so, wie sie waren, sind und sein werden. Aus sich heraus.

Es ist schwierig sich in dieser erzogenen Welt zu behaupten. Außenseiter haben es schwer. Ich z.B. knickte ein, als meine große Tochter zur Schule kam. Zu Beginn der Schulzeit zumindest, bekam ich es auf einmal in den Kopf, dass das Töchterlein Bitteschön zu einer bestimmten Uhrzeit ins Bett gehen sollte. Warum? Naja, sie mußte ja morgens wieder früh aufstehen und fit sein. Mhm. Was für ein Quatsch. Leider behielt ich dieses Zu-Bett-Gehen nach Uhrzeit bis in die fünfte Klasse bei. Erst da kam ich wieder zur Besinnung. Alle Familienmitglieder bei uns gehen nach Bedarf schlafen. Wer müde ist, legt sich hin, wer nicht mehr müde ist, wacht von allein auf. Ganz einfach. Das war eigentlich immer ganz normal gewesen in meiner Welt. Doch erst durch die kleinen Damen wurde mir in Bezug auf das Schlafen meiner Großen wieder klar, was ich da angerichtet hatte. Neue Menschen, neue Impulse.

Mit dieser Erleuchtung eilte ich zu meinem Mann. Die Angst in seinen Augen war deutlich zu erkennen. (Schließlich ist er es, der jeden Morgen mit der großen Dame aufsteht, seit es die klein en Damen gibt. Denn unsere Stillkinder schlafen nach wie vor neben, an und auf mir.) Dem Schulkind nicht sagen, wann es ins Bett gehen soll? Und am Morgen ein völlig übernächtigtes, müdes, übellauniges Etwas aus dem Bett manövrieren und ertragen bis es das Haus verläßt? Angst.                                                                                                                            Ich hingegen war voller Zuversicht und umgarnte ihn mit Worten wie Selbstbestimmung, Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Den Zeitpunkt hatte ich zudem ganz geschickt gewählt. Wenige Wochen vor den Sommerferien. Es standen also keine Klausuren oder ähnliches an. Den skeptischen Mann an Bord, präsentierte ich dem großen Kind die Neuigkeit. Auch hier war die erste Regung von Skepsis durchtränkt. „So lange wach bleiben, wie ich will? Auch in der Schulzeit? Whooow!“ Dann folgte die Aufregung. Auch hier hatte ich es nicht dem Zufall überlassen und die frohe Botschaft an einem Freitag kund getan. Details brauche ich hier gar nicht großartig beschreiben. Klar, ein paar Abende war es neu und schräg und ihre Nächte dementsprechend kurz. Aber die Befürchtungen meines Mannes bewahrheiteten sich nicht. Unser Mädchen geht jetzt zwar spät ins Bett, steht aber keinen Deut schlecht gelaunt oder übermüdet auf. Dafür ist sie meistens am Freitag ziemlich platt. Und mir kam der Gedanke, ob sie sich in all den Jahren vielleicht müde geschlafen hatte? *grusel* Ich selbst bin nämlich eine Wenig-Schläferin. Spät ins Bett, früh wieder raus. Der Apfel und der Birnbaum…


Erziehung ist demnach irgendwie überall.Vor allem in mir selbst. Aber man kann seine Vergangenheit ja leider nicht einfach abschütteln und fertig. Doch man kann sich ihr stellen und kritisch sein und sich dessen bewusst werden, was da tagtäglich um einen herum geschieht. Als ich Mutter wurde, hatte ich sofort einen Gedanken: Es anders machen. Zum Glück war ich so überzeugt davon, dass ich es auch durchzog. Der Gegenwind war nicht ohne und zeitweise fühlte ich mich wie ein Alien. Damals war ich noch ein Küken.

Jetzt ist es irgendwie anders. Ich bin älter, *schnief* und noch gefestigter als ich es damals war. Ich kenne im realen Leben kaum jemanden, der seine Kinder so begleitet, wie wir es tun. Aber das macht mich weder nervös, noch läßt es mich zweifeln. Ich bin eher erschrocken, wenn ich manche Eltern mit ihren Kindern sehe, oder auch einfach „Leute“, die mir begegnen und die mich böse ansehen oder gar anpöbeln.

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Doch eines Tages hatte ich eine wunderbare Begegnung. Wir waren mit dem Rad einkaufen. Ich hatte bereits alles im Kasten verstaut und wartet auf eine meiner Damen, die am Fahrradbügel herumkletterte, träumte, kletterte… Ich stand daneben und wartete. Da kam ein älterer Herr, der sein Fahrrad neben uns geparkt hatte. Er lächelte nett, ich lächelte zurück. Plötzlich sagte er: „Entschuldigen Sie, es ist so schön zu sehen, wie geduldig sie sind. Sie stehen einfach da und warten. Ihr Kind kann ganz in Ruhe gucken und selbst ins Fahrrad steigen. So schön!“ Ich war ganz baff. Damit hatte ich nun nicht gerechnet und erwiderte „Naja, Geduld lernt man, wenn man Kinder hat.“ Woraufhin er meinte, dass er Erfahrung hätte und sich gut in andere hinein versetzen könne, und das, was ich meinem Kind da gerade geben würde, sei ein Geschenk. Ich hatte Herzen in den Augen. Den ganzen Heimweg über lächelte ich.


Ich muss mich mit mir auseinander setzen, um meinen Kindern die Mutter sein zu können, die ich ihnen sein will. Und gleichzeitig bringen meine Kinder mich dazu, diese Mutter zu sein. Unerzogen heißt für mich, reflektiert zu handeln. Alte Muster zu hinterfragen, sie bei Bedarf abzulegen und wirklich menschlich zu sein. Nicht die vorgegebenen Normen zu bedienen, sondern eigene aufzustellen und hinter diesen zu stehen. Vor Kurzem hatte ich Besuch von einer Bekannten, die ich zwei Jahre lang nicht gesehen hatte. Es dauerte keine Viertelstunde, da fragte sie mich etwas, die Kinder betreffend und schob direkt die Frage hinterher: „Oder sind deine Kinder solche, die alles dürfen??“

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Es klang relativ humorvoll, doch ich hörte auch die Ernsthaftigkeit und die damit einhergehende Ablehnung. Trotzdem antwortete ich mit „Ja.“                             Solange sie die Grenzen anderer wahren, niemanden (auch nicht sich selbst) verletzen oder in Gefahr bringen, dürfen sie erstmal alles. Unser Motto lautet schließlich JA. Natürlich gibt es auch Dinge, die sie nicht machen sollen. Dann sehe ich mich in der Pflicht, dem vorzubeugen, dass es zu blöden Situationen kommt. Zum Beispiel sind scharfe und zerbrechliche Gegenstände bei uns außerhalb der Kinderreichweite untergebracht. Doch wir kalkulieren nicht jede Möglichkeit, das wäre ja auch Quatsch. Dann gibt es eben auch Frust-Momente, that’s life, aber die begleiten wir und fangen sie auf.

Ich vermute, dass viele unerzogen mit Laisser-faire verwechseln. Darin besteht vielleicht auch das Problem. Doch unerzogen bedeutet für mich, dass ich die Kinder nicht beschneide, sondern ihnen die Freiheit lasse, die ihnen von Natur aus zusteht. Ich bin präsent, lasse die Kinder machen, aber be-ob-achte aus dem Hintergrund. Ich bin da, wenn sie mich brauchen, aber mische mich nicht ein, nur weil andere es von mir erwarten oder „man es eben so macht“. Laisser-faire hingegen ist in meiner Wahrnehmung ein wahlloses Laufenlassen bzw. sich selbst überlassen sein, ohne respektvolle Begleitung. In meiner Vorstellung fühlt es sich an wie Freiheit in Einsamkeit. Das klingt irgendwie hart, aber trifft wahrscheinlich den Kern dessen, was ich meine.

Die Kinder in dieser Art zu begleiten empfinde ich als ungleich anstrengender als sie zu erziehen. Mitunter ist es ein wahrer Kraftakt.  Autonomiephase im Doppelpack. Plus Pubertante in Autonomiephase drölf. Halleluja!                                                                               Vor allem das Füße stillhalten fällt mir manchmal schwer. Es hilft, wenn man ganz bewusst kurz inne hält und eben nicht dem ersten Impuls nachgibt. Nicht das Muster durchdringen läßt, das einem selbst aufgedrückt wurde. Luft holen und dann erst reagieren.                                                                                                                                                     Doch nach jedem anstrengenden Tag freue ich mich umso mehr, dass wir begleiten, anstatt zu leiten. Dass wir keine gebrochenen Marionetten haben, sondern wilde, freche, wunderbare Kinder, die uns auf Augenhöhe begegnen und in manchen Situationen wirklich in die Tasche stecken.                                                                                                                Ich bin unendlich dankbar für meine drei Lehrerinnen des Lebens.

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